Der Eifelsteig – von Kornelimünster nach Manderscheid

Aachener DomEinen Fernwanderweg hatten wir gesucht. Mit möglichst kurzer Anreise, dennoch einsam und ausgesetzt und mit der Option zu zelten. Nach kurzer Suche stieß ich auf den Eifelsteig. Gut 300 km zwischen Aachen und Trier, Campingplätze zumindest partiell vorhanden. Die Anreise mit dem Zug von Hamburg dauerte ca. 5 Stunden. Da Oma und Schwiegermutter darauf bestanden hatten, dass wir den Aachener Dom besichtigten, blieben wir die erste Nacht dort. Und besichtigten den Dom.

Aachener Dom 2Was soll ich sagen? Sie hatten recht. Das über 1000 Jahre alte Bauwerk ist schon recht imposant. Im ältesten Teil des Doms, dem Oktogon, befinden sich zahllose, winzige, sich zu Mosaiken zusammenfügende Goldplättchen an Decke und Wänden. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wer sie um alles in der Welt dort angebracht hat und wie lange das wohl insgesamt gedauert haben mag. Ganz ähnlich beeindruckend sind die knapp 30 m hohen Fenster in der gotischen Chorhalle.

Aachener Dom 3Nach eingehener Betrachtung, beschlossen wir, auch den Turm zu besichtigen. Eine Wendeltreppe führte uns hoch hinaus. Vom Turm aus bietet sich ein herrlicher Rundblick sowohl auf den kompletten Dom, als auch auf das Rathaus, die Innenstadt und die weitere Umgebung. Es fiel uns recht schwer, diese herrlichen Ausblicke wieder zu verlassen.

Aachener Dom 4Auffällig war die recht hohe Anzahl an Dachterrassen. Sogar Planschbecken waren dort aufgestellt. Ich weiß nicht, ob ich meine Nichte in so großer Höhe bedenkenlos planschen ließe. So sind die Menschen verschieden.

Aachener Dom 6Nach der Besichtigung kümmerten wir uns zunächst um das leibliche Wohl und mussten dabei leider wieder einmal feststellen, dass auswärts Essen zu gehen für uns keine wirklich befriedigende Angelegenheit ist. Nach einer ruhigen Nacht im Hotel, ließen wir uns am nächsten Morgen per Taxi zum 8 km südlich gelegenen Kornelimünster fahren. Das war reiner Luxus, man kann auch mit städtischen Bussen dorthin gelangen. Der Startpunkt des Eifelsteigs war leicht gefunden.

Eifelsteig LogoNachdem wir uns und die Rucksäcke im Schutze des Münsters wasserdicht verpackt hatten, leider mussten wir erneut eine Wanderung im Regen beginnen, warfen wir einen letzten Blick in den Wanderführer. Die erste Etappe von Kornelimünster nach Roetgen sollte uns auf überschaubaren 14 Kilometern zum Einlaufen dienen. Keine großartigen Höhenunterschiede seien zu bewältigen, so der Führer. Um Punkt 10h starteten wir ungeachtet des Wetters frohgemut.

Start in KornelimünsterDer Weg führte uns recht zügig aus dem Ort zwischen Walheim und Hahn hindurch und stetig aufwärts Richtung Rott. Zumindest für uns Flachländer waren die 200 Höhenmeter kein Klacks. Nach einem langen, breiten und schnurgerade aufwärts führendem Waldweg erreichten wir das Naturschutzgebiet Stuffelt, ein wildes Hochmoor, das angeblich einige seltene Vogelarten beherbergen sollte. Wahrscheinlich hielt der andauernde Regen sie in ihren Höhlen. Gesehen haben wir keinen einzigen.

StruffeltBevor die Mägen sich auf das verdiente Mittagessen stürzen durften, stiegen wir noch hinab zur Dreilägerbachtalsperre, einem recht imposanten Bauwerk, an dessen Ufer sich glücklicherweise ein trockenes Picknickplätzchen fand.

DreilägerbachtalsperreNach der Stärkung wanderten wir weiter bergab Richtung Roetgen. Der Regen hatte ein Einsehen und zog sich in die weiterhin grauen Wolken zurück. Nach gut 4 Stunden Wanderzeit erreichten wir den mitten in Roetgen gelegenen Campingplatz Faulenbruch. Wir konnten unser Zelt zum Glück in einem großen Festzelt trocken aufbauen, so dass wir am nächsten Morgen ein recht trockenes Zelt einpacken konnten und die erste Nacht auf der Isomatte einigermaßen komfortabel war.

Zweite Etappe: Roetgen nach Monschau (17 km + 2,5 nach Perlenau)

Immerhin konnten wir am zweiten Tag im Trockenen starten. Nachdem wir Roetgen verlassen hatten, führte uns der breite Waldweg hinüber nach Belgien hinauf ins Hohe Venn, das für seinen Niederschlagsreichtum bekannt ist. Es machte seinem Ruf alle Ehre.

Oups, Belgien!Gut 4 Kilometer und 200 Höhenmeter später stießen wir mitten im Hohen Venn auf eine Schutzhütte, in der sich 3 wackere Wandersmänner älteren Datums eingefunden hatten. Während sie sich mit Prozentigem stärkten, hielten wir uns an belegte Brote und Äpfel. Wir erfuhren, dass sie schon seit Jahrzehnten gemeinsam einmal pro Woche wanderten, jedes Mal in einem anderen Gebiet. Inzwischen mussten sie die gesamte Eifel wie ihre Westentasche kennen. Nach der Rast stiegen wir tapfer im steten Dauerregen hinab nach Monschau.

MonschauWährend ich mich bei einem Kaffee ausruhte, besorgte Herr H. im winzigsten Supermarkt der Welt in der Innenstadt Verpflegung für den Abend. Die Auswahl sei eher bescheiden gewesen, erzählte er bedauernd. Egal, der hungrige Wanderersmagen ist nicht wählerisch. Wir gingen noch ca. 2,5 km weiter (sehr hoch und steil und wieder hinunter) dem Eifelsteig folgend nach Perlenau zum Campingplatz.

Perlenau CampingDa das Gras recht nass war und wie üblich keine Picknickbänke und -tische vorhanden waren, niemand denkt an die Zelter!, kochten wir recht lauschig auf einem Steg an der Perlenau. Not macht erfinderisch.

Dritte Etappe: Monschau (Perlenau) nach Einruhr (24,5 bzw. 22 km)

Am nächsten Morgen hatte der Wettergott endlich ein Einsehen. Die Sonne kämpfte sich durch den Nebel und wir uns mit dem nassen Zelt im Gepäck hinauf nach Höfen.

Auf nach Höfen!Die Etappe wird im Führer als anspruchsvoll beschrieben, was wir voll und ganz bestätigen können. Muskeln und Sehnen zwickten und zwacken ganz ordentlich. Doch zunächst ging es durch das beschauliche Dorf, in dem nahezu jedes Grundstück von Hecken beeindruckendes Ausmaßes eingeschlossen ist.

Hecke in Höfen/ MonschauNachdem wir zum Kluckbach hinab gekraxelt waren, führte der Weg kontinuierlich bergab und bergauf mit teils herrlichen Ausblicken auf den Nationalpark Eifel.

EifelblickNach der Mittagsrast machte sich bei mir eine recht starke Erschöpfung breit, noch ein Aufstieg, noch ein Abstieg, puh. Wir ignorierten dennoch den Campingplatz in Hammer und kämpften uns weiter. Eine vorwitzige Haselmaus beobachtete verwundert unsere erschöpft hochgelagerten Beine.

HaselmausInzwischen war ich sehr froh über meine Wanderstöcke, mit deren Hilfe ich meinen schmerzenden rechten Hacken entlasten und mich so hinauf und hinab schieben konnte. Herr H. hatte ausnahmsweise keinerlei Beschwerden und strahlte kurz vor Einruhr mit der Sonne um die Wette.

Hoch oben vor EinruhrIn Einruhr selbst gibt es leider keinen Campingplatz. Die sehr freundliche Dame in der Touristeninformation erklärte, wir könnten am See entlang ca. 5 km nach Ruhrberg gehen. Dort gäbe es Plätze zuhauf. Wir sahen uns kurz an, sehr einig, und ich bat die Dame, uns ein Taxi zu rufen. Das widersprach zwar jeglicher Wandererehre, aber mein Körper verweigerte jeden weiteren Kilometer. In Einruhr gibt es übrigens keine einzige Einkaufsmöglichkeit, wohl aber mindestens 20 Cafés und Restaurants, verrückte Welt. Nach einigen Irrungen und Wirrungen setzte uns die Taxifahrerin am Camping ab. Das Zelt konnte in der Abendsonne trocknen, während wir die Lieferpizza “genossen” und den vorbeidröhnenden Motorrädern lauschten. Soviel zum Thema ruhige Natur. Zum Glück ebbte der Verkehr mit Einbruch der Dunkelheit ab.

Blick vom Wolfshügel nach EinruhrVierte Etappe: von Einruhr nach Gemünd (ca. 20 km nicht auf dem Eifelsteig)

Dank der trockenen, aber sehr frischen Nacht, mussten wir am nächsten Morgen erneut ein patschnasses Zelt einpacken. Von Ruhrberg aus bot es sich an, auf dieser Etappe nicht dem Eifelsteig zu folgen, sondern stattdessen oberhalb des Stausees dem Radweg nach Gemünd zu folgen. Das hatte zudem den Vorteil, dass etliche Höhenmeter entfielen, mein rechter Fuss war sehr dafür. Im herrlichsten Sonnenschein starteten wir über die Talsperre des Obersees.

OberseetalsperreEs war vergleichsweise unaufregend, den geschotterten Windungen des Radwegs zu folgen. Gegen Mittag rasteten wir an sonniger Stelle, trockneten Zelt und Schlafsäcke und labten uns an kalter Pizza. Nicht besonders lecker, aber etwas anderes hatten wir nicht mehr.

Blick zurück auf die Urft-StaumauerIrgendwann gen Nachmittag hatten wir plötzlich das Gefühl, dass der Weg nach Gemünd sich kontinuierlich ausdehnte. Hinter der nächsten Biegung kam die nächste und so fort. Aus 10 weiteren Kilometern wurden 20, zumindest gefühlt. Mein Fuss fühlte sich auch im Flachland plötzlich nicht mehr wohl. Es nützte aber nichts und irgendwann tauchte auch endlich das Kurörtchen auf.

UrftkurvenAuch in Gemünd gibt es keinen Campingplatz, immerhin jedoch gleich zwei zentral gelegene Supermärkte und mindestens drei Metzgereien in der Fußgängerzone. Wir ließen in der Touristeninformation beim nahegelegenen Naturcamping Schafbachmühle anrufen. Sie boten an, uns gegen ein kleines Entgeld am Schleidener Busbahnhof abzuholen. Der Bus fuhr eine gute Stunde später. Genug Zeit für den Einkauf. Nach der Anmeldung auf dem wirklich absolut wunderschön gelegenen Platz saßen wir noch eine Weile in der Abendsonne und beobachteten den schwer aktiven Eisvogel. Nachts wurde es empfindlich kalt. Wie gut, dass wir die dicken Daunenschlafsäcke dabei hatten.

Abends am SchafbachseeFünfte Etappe: von Gemünd (Olef) nach Kloster Steinfeld (Urft) (17,5 km/ 15 km)

Am diesem Morgen musste die Sonne sich einmal nicht durch dicken Nebel quälen. Nachdem wir in aller Ruhe gefrühstückt und gepackt hatten, fuhr uns der Campingplatzbesitzer zurück an den Eifelsteig nach Olef. Die gewohnten Zeiten verschieben sich übrigens beim Zelten im Herbst ganz automatisch. Gegen 20h gingen wir meist nach Sonnenuntergang ins Zelt. Was soll man auch draußen im Kalten und Dunklen tun? Um 6h in der Früh war ich dann immer glücklich, wenn die ersten Lichtstrahlen und die Aussicht auf Kaffee nach draußen lockten. Zu schade, dass das hier im Alltag nicht so klappt.

Bahn durch OlefDas kleine Olef hat einen wunderschönen Ortskern mit gotischer Kirche und einigen alten Fachwerkhäusern. Hätte man von der Bundesstaße kommend gar nicht erwartet. Kurioserweise fuhr die Bahn einst ohne Bahnübergang mitten durch den Ort. Heute verkehren dort jedoch nur sonntags im Sommer Schienenbusse. Wir verließen den hübschen Ort und stiegen durch urige Wälder hoch hinauf.

Kurz vor SteinfelderheistertDer Eifelsteig ist nahezu idiotensicher beschildert und doch brachte uns ein Kinderstreich heute einmal vom rechten Weg ab. Zum Glück bemerkte ich den Fehler schnell. Nach nur drei Stunden erreichten wir das Kloster Steinfeld. Leider gibt es auch dort in der Nähe keinen Platz für Zelte. So stiegen wir kurz hinab nach Urft (knapp 2 km), fuhren mit der Bahn die Etappe des nächsten Tages ab bis Blankenheim (Wald) und von dort aus nach kurzer Einkaufspause mit dem Bus zum Eifelcamp am Freilinger See. Auf den ersten Blick ein Platz, der mir Schauder den Rücken hinunterlaufen ließ. Rundumbespaßung mit Horden feierwütiger Teenager. Der hochgelegene, doch recht ruhige Zeltplatz, die nahegelegenen Picknickbänke und das komfortabelste Sanitärhaus, das ich je auf einem Campingplatz gesehen habe, versöhnten mich jedoch umgehend. Nach einem köstlichen Chili in der Abendsonne schliefen wir so gut wie selten.

Sechste, siebente und achte Etappe: von Kloster Steinfeld über Blankenheim und Mirbach nach Hillesheim: ausgelassen, da keine Zeltmöglichkeiten und Zeitknappheit

Neunte Etappe: von Hillesheim nach Gerolstein (20 km)

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Rufbus (Sonntags!) zurück zur Bahn nach Blankenheim (Wald) und von dort aus mit dem Zug nach Hillesheim/ Oberbettlingen. Es kristallisierte sich langsam heraus, dass wir Zelt und Campingausrüstung in Gerolstein zurück nach Hause schicken würden, da es nach Gerolstein nur noch einen einzigen Campingplatz in Manderscheid geben würde. Das Wetter präsentierte sich weiterhin einigermaßen freundlich und mein Fuß gab Ruhe.

Feld bei RothWir gingen durch das Tal hinauf zum Wolfsbeul mit herrlichem Blick, wieder hinab über Roth, vorbei an störrischem, wanderunwilligem Teenager (zum Glück nicht unser Problem) hinauf zum Rother Kopf. Es war herrlich warm und windig dort oben, so dass wir den Aussichtspunkt spontan zum Trockenparadies erklärten.

Trockenstation Rother KopfVon Südwesten näherte sich leider wieder eine recht dunkle Regenfront. Als wir in Gerolstein über die Ferienanlage Felsenhof stiefelten, flüsterte meine Intuition mir, genau hier eine Hütte zu buchen und einen sonntäglichen Ruhetag einzulegen. Kurz nachdem wir ihn (leider etwas teurer als regulär für eine Woche oder ein Wochenende) bezogen hatten, fing es an, wie aus Eimern zu schütten.

Nach dem Guss ist vor dem GussHerr H. merkte an, dass man meiner Intuition wohl tatsächlich trauen könne. Den Ruhetag verbrachten wir mit einer Umwanderung und Besichtigung von Gerolstein. Ohne Gepäck wanderte es sich nahezu elfengleich und die 30 m tief in die Erde hineinführende Höhle war definitiv eine Besichtigung wert.

BuchenhöhleHerr H. hingegen favorisierte die Gerolsteiner Dolomiten, die sich im Spiel des Lichts stündlich überraschend unterschiedlich präsentierten. Nach der Kurzwanderung ließen wir es uns bei gekaufter Torte und feudalem Abendessen gut gehen.

Gerolsteiner DolomitEtappe zehn: von Gerolstein nach Daun (25 km)

Der Ruhetag hatte meinen rechten Fuß nicht beeindruckt. Ich beschloss dennoch, die lange Wanderung zu wagen. Nachdem wir das Campingequipment nach Hause geschickt hatten, stiegen wir von Gerolstein hinauf zum Dietzenley, knapp 300 Meter hoch. Es tröpfelte und dicke Wolken zogen rasch über die Berge. Hin und wieder bltzte die Sonne hervor. Kurz nach Neroth auf halber Strecke erwartete uns die größte Herausforderung des Tages, der Nerother Kopf.

Blick auf den Nerother KopfEr ist mit 647m zwar nicht besonders hoch, doch der Aufstieg erfolgt auf nicht einmal einem Kilometer fast senkrecht. Und der wackere Wanderer wird für diese Schinderei noch nicht einmal mit einem herrlichen Blick belohnt. Die Bäume versperren jegliche Sicht. Nach dem Abstieg war es um meinen Fuß eher schlecht bestellt. Mühsam schleppte ich mich durch Wälder und Wiesen nach Daun. Kurz vorher musste noch ein letztes Berglein bezwungen werden.

Der nächste Schauer kommt bestimmtDie recht weit außerhalb gelegene Jugendherberge Daun erreichten wir deshalb wieder einmal per Taxi. Inzwischen hatte ich das Gefühl, Pudding am rechten Hacken zu haben. Die Schwellung um die Achillessehne herum war beachtlich. Wir beratschlagten eine Weile und entschieden schließlich, am nächsten Morgen Hackenkeile und ein abschwellendes Spray zu besorgen und noch eine Etappe nach Manderscheid zu wagen. Schmerzen hatte ich schließlich keine. Zum Abendessen wurden Spaghetti mit Hackfleischsauce serviert. Etwas Parmesan wäre schön gewesen. Insgesamt waren wir allerdings sehr positiv von der Entwicklung der Jugendherbergen überrascht.

Elfte Etappe: von Daun nach Manderscheid (23 km)

Die ersten zwei Stunden wanderten wir durch strömenden Regen. Schade. Ich bin sicher, die Maare hätten sich mit mehr Licht besser gemacht. Nach der Rast in der Schutzhütte vor der Üderstorfer Mühle riss die geschlossene Wolkendecke endlich auf. Es waren zwar unentwegt neue Schauer im Anmarsch, aber der Dauerregen schien vorrüber.

Herr H. im LiesertalDas Liesertal präsentierte sich immerhin abschnittsweise von seiner freundlichen Seite und wir lernten, dass hohe Fichten den besten Regenschutz bieten. Ich humpelte so dahin, froh darüber, dass ärgste Steigungen für heute nicht vorgesehen waren. Es zeichnetet sich jedoch ab, dass ich so nicht würde weiterwandern können. Leicht wehmütig näherte ich mich deshalb der kleinen Stadt.

Lieserbrück vor ManderscheidHerr H. versuchte mich während der letzten Kilometer mit Erläuterungen zu Ober- und Niederburg und der wechselhaften Geschichte des Städtchens bei Laune zu halten. Leider wollte ich nur ankommen, mein Bein hochlagern und mich in Selbstmitleid suhlen.

Manderscheid OberburgDie Jugendherberge Manderscheid befand sich in einem wunderschönen alten Bauwerk. Auch die drei anwesenden Schulklassen störten nicht, sondern sorgten vielmehr für große Erheiterung. Manchmal ist es auch schön zu sehen, was man alles nicht mehr durchmachen muss. Zum Abendessen gab es erneut Pasta mit Hackfleischsauce ohne Parmesan und am nächsten Morgen schüttete es wieder wie aus Eimern. Da fiel der Abschied gleich etwas leichter. Eins ist jedoch sicher. Wir werden wiederkommen und die fehlenden Etappen wandern. Denn der Eifelsteig wird vollkommen zurecht als einer der 10 schönsten Fernwanderwege Deutschlands gehandelt!

Selfie mussWanderführer (mit dem wir recht zufrieden waren, beim nächsten Mal besser zusätzlich einen topografische Karte, die Kartenausschnitte im Buch sind doch recht klein):

Rother Wanderführer – Eifelsteig von Aachen nach Trier Jürgen Plogmann, 1. Auflage 2010

1. Halbmarathon 2012

Vorab ein kurzes Lob für die Hamburger Bücherhalle. Ich bin mindestens einmal pro Woche dort und werde jedes Mal fündig. Es wird so viel neu angeschafft, dass ich mit dem Lesen kaum hinterher komme. Würde ich all diese Medien kaufen, wäre ich schon nach zwei Monaten pleite und meine Wohnung unpassierbar. Vor gut drei Monaten stieß ich dort auf ein spezielles Frauenlaufbuch. Viel Neues hatte es mir nicht zu bieten, aber es befand sich ein Schatz in diesem Buch (Lauf-Guide für Frauen): ein Trainingsplan!

Vor acht Jahren trainierte ich zuletzt nach Plan. Damals war das Ziel ein Marathon, den ich leider nicht mehr laufen konnte, weil ich gemeinsam mit Erk zu einer langen Radreise aufbrach. Für den Halbmarathon hat es noch gereicht. Ein unvorstellbar lange Strecke, 21 km. Eine Stunde radeln. Es war unglaublich anstrengend. Nicht, so lange zu laufen, sondern so lange relativ schnell zu laufen. Die genaue Zeit weiß ich nicht mehr, etwas unter 1:50, ganz passabel für den ersten Versuch.

Danach lief ich viele Jahre einfach so, meist nicht länger als eine Stunde und meist in einem mir angenehmen Tempo. Vielleicht hatte ich auch deshalb letzten Winter monatelang mir einer Achillessehnenentzündung zu tun, wer weiß. Monotone Belastung, zu wenig Abwechslung. Im Mai konnte ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder laufen. Das Buch fiel mir dann genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände. Ich verspürte unbändige Lust, mich noch einmal an einem systematischen Training zu versuchen. Maximal vier Einheiten pro Woche standen auf dem Plan. Die Abfolge war stets gleich. Am Montag ein mittellanger, langsamer Lauf. Am Mittwoch Tempotraining. Am Donnerstag eine halbe Stunde Regeneration und am Samstag der lange, langsame Lauf.

Ich weiß gar nicht, was härter war: die langen, langsamen Läufe oder das Tempotraining. Beides völlig ungewohnt für mich. Ich staunte, welche Strecken ich noch im Schneckentempo in anderthalb Stunden bewältigen konnte und war nach den Sprinteinheiten regelmäßig tomatenrot und ausgelaugt. Schwere Beine hatte ich ständig. Ich fragte mich, ob das Training mir tatsächlich etwas brachte und zweifelte am Sinn des Plans. Dann kam das erste Erfolgserlebnis in Woche acht (von zehn). 2 x 25 Minuten Schwellentempo und zum ersten Mal war es zwar immer noch anstrengend, aber auch irgendwie leicht. Welch Euphorie!

Den anschließenden 10 km Testlauf wollte ich unbedingt in 50 Minuten schaffen, nur so hatte ich eine geringe Chance, den Halbmarathon unter 1:50 zu laufen. Am diesem Samstagmorgen war die Landschaft mit glitzerndem Reif überzogen. Ich lief motiviert los und genoß die klare Luft. Nach ungefähr sechs Kilometern begannen meine Oberschenkelmuskeln zu brennen. Es ging bergauf, ich keuchte und quälte mich. Und plötzlich kamen die destruktiven Gedanken. Warum machst du das alles eigentlich? Du könntest hier abkürzen, ist doch nicht so wichtig, läufst du halt nächsten Samstag nochmal.

Einatmen, ausatmen, schau, du bist schon so weit gekommen und gut in der Zeit. Du schaffst das schon, los, weiter. Es gelang mir, die trüben Gedanken ziehen zu lassen und der Verlockung der warmen Stube zu widerstehen. Als ich die imaginäre Ziellinie kreutzte, fühlte ich mich unendlich glücklich. Geschafft, vorbei. 50:33, ganz ordentlich und ich hätte auch noch weiterlaufen können. Die wichtigste Erfahrung dieses Testlaufs war jedoch, dass Gedanken tatsächlich maßgeblich zu Erfolg oder Misserfolg beitragen. Das war mir vorher zwar theoretisch bewusst gewesen, aber praktisch hatte ich es noch nie so deutlich erlebt.

Zwei Wochen später war er da. Der Tag des Halbmarathons. Ich fühlte mich nicht besonders fit und dynamisch, zog meine Sachen an und rannte viel zu schnell los. Alter Anfängerfehler. Erk begleitete mich freundlicherweise mit dem Rad und hielt Tee mit Honig und einer Prise Salz bereit. Kilometer fünf. Inzwischen schwitzte ich stark. Die lange Gerade am Elbdeich zog wie im Flug an mir vorbei, eher meditativ als monoton. Kurzer Zeitcheck bei Kilometer zehn: 48:20, gar nicht übel. Nur leider fingen meine Oberschenkel unerträglich zu brennen an. Keine Kraft mehr. Weiter. Ein Schluck Tee wirkte Wunder. Schon war Kilometer fünfzehn in Sicht. Jetzt nochmal etwas zulegen, bergauf wieder hinein in die Stadt, eine Ehrenrunde um unsere Straße und: geschafft!

Zuerst konnte ich es kaum fassen. Ich war gerade 21 km gelaufen und zwar in 1:41:54! Wow! Nur knapp an meiner Wunschzeit unter 1:40 vorbei. Aber mehr wäre dieses Mal auch nicht drin gewesen. Ich hatte alles gegeben.

Nach dem Frühstück sickerte das Glücksgefühl langsam in mein Bewusstsein. Ein herrliches Gefühl. Ich verordnete mir eine einwöchige Laufpause und ein erneutes zehnwöchiges Halbmarathontraining mit etwas erhöhtem Umfang. Mal sehen, ob ich meine Zeit im nächsten Jahr nicht noch etwas verbessern kann und dann steht auch noch der volle Marathon auf meinem Wunschzettel. Nächstes Jahr.

Geradelt 1: Main-Tauber-Altmühl

Man nehme: zwei Fahrräder, ein Zelt, zwei Schlafsäcke, zwei Isomatten, zwei fahrfreudige Menschen und noch ein paar Sachen mehr. In den Zug gestiegen, nach Frankfurt gefahren und dort, am Main, gestartet. Der fließt nur 500m vom Hauptbahnhof entfernt träge dahin.

Die Wolken im Hintergrund erwiesen sich als harmlos. Einen kurzen Gewitterschauer gab es am Nachmittag. Wir fanden Zuflucht unter einer Brücke und nach einer halben Stunde strahlte die Sonne wieder. Nach knapp 90 km erreichten wir einen beschaulichen Campingplatz mit Biergarten. Herrlich.

Am nächsten Morgen empfing uns eine geschlossene Wolkendecke, aus der es, kurz nachdem wir losgefahren waren, konstant regnete. Nach drei Stunden waren wir durch und durch naß, Funktionsbekleidung hin oder her. Wir durften zum Trocknen unter einen Heizstrahler und gegen Mittag waren alle Wolken wie von Zauberhand verschwunden. Wir erreichten die Taubermündung in Wertheim kurze Zeit später und verließen den Mainradweg. Da der nächste Campingplatz noch gute 50km entfernt war, nahmen wir uns in Tauberbischofsheim kurzerhand ein Zimmer.

Tauberbischofsheim ist ein nettes Städtchen mit historischer Altstadt. Leider nicht verkehrsberuhigt. Das sollte uns immer wieder auffallen. Wunderschöne Plätze mit Außengastronomie, über die neben PKW auch riesige Busse und LKW dröhnen. Wie soll man da sein Eis oder Bier in der Sonne genießen?

Aber ich will nicht lamentieren. Man sollte sich einfach auf die schönen Dinge und Gegebenheiten konzentrieren, was mir im Taubertal recht leicht fiel.

Das liebliche Taubertal trägt seinen Namen zu Recht und wird gen Rothenburg hin immer hügeliger. Völlig erschöpft von “Bergen” und Sonne erreichten wir einen Campingplatz vor Rothenburg. Leider waren die nächsten Einkaufsgelegenheiten oben in der Stadt. Und oben bedeutet mindestens 150m Auf- und Absteig. Nach nach dem Duschen los stapften wir los. Das war ein Fehler.

Da wir auf die Schnelle keinen Supermarkt fanden, gingen wir in einen Bioladen. Nun ja, der dreifache Preis für eine Dose Tomaten erschien mir zwar etwas happig, aber zum Weitersuchen hatte ich auch keine Lust mehr. Das Ciabatta für 3,50€ überstieg meine Schmerzgrenze. Soviel Geld für nur 200 g Brot! Echter Biowucher. In einer konventionellen Bäckerei erklärte uns die Verkäuferin, dass das an den japanischen Touristen läge, die würden für ein Brot jeden Preis zahlen. Ach so.

Das Chili gelang gut, einen geschmacklichen Unterschied zwischen Bio- und Nicht-Biokidneybohnen konnten wir jedoch nicht feststellen. Abends in geselliger Runde kam die Frage auf, ob es eine Altersbegrenzung für diese Art des Reisens gäbe. Ein rüstiger Rentner um die 70, der kurz vorher sein Zelt aufgebaut hatte meinte dazu nur grinsend, erkönne sich eine andere Art zu Reisen gar nicht vorstellen. In seinem Alter bräuchte man morgens nur ein wenig länger, um aus dem Zelt zu steigen.

Am nächsten Morgen begrüßte uns herrlicher Sonnenschein. Nach einem letzten Blick auf Rothenburg fuhren wir in das Altmühltal. Der Begriff  “Tal” ist allerdings irreführend. Zunächst galt es eine saftige 16% Steigung über einen guten Kilometer zu bewältigen. Danach fuhren wir leicht bergan und bergab durch meist landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Altmühl war nur selten zu sehen.

Dafür gab es während der Mittagspause ein paar Jungstörche zu begucken. Die Altmühl ließ sich nachmittags auch schon häufiger sehen und war deutlich breiter geworden. Am Altmühlsee, kurz vor Gunzenhausen, fanden wir einen eher ungemütlichen Campingplatz. Ungemütlich, weil eher auf die Bedürfnisse der motorisierten Mitreisenden zugeschnitten. Zelte werden auf solchen Olätzen meist auf eine sumpfige Wiese hinter die Sanitäranlagen verbannt. Diese war immerhin trocken. Abends zog ein heftiges Gewitter auf. Wir siedelten in die Gaststube um. Ein Radiojournalist vom Bayrischen Rundfunk hatte Unterhaltsames zu erzählen. Und unser Zelt hatte dem Sturzregen  standgehalten.

Auch am nächsten Tag war uns das Wetter hold. Es ging die ganze Zeit recht dicht an der Altmühl entlang. Das Tal wurde enger und enger. Eichstätt ließen wir hinter uns, obwohl wir schon gut 80 km geradelt waren. In Gungolding wurden wir dafür mit einem wunderschönen Naturcamping belohnt, den wir ganz für uns allein hatten. Das war definitiv der schönste Platz, auf dem ich in Deutschland je gezeltet habe.

Wir gönnten uns noch ein Essen im benachbarten Biergarten und badeten in der Altmühl. Besser als jede Dusche. Den krönenden Abschluss bildete ein Lagerfeuer und eine leider traurige Nachricht. Wir würden unsere Familie nicht wie geplant beim Trombone Shorty Konzert in Straubing treffen. Oma war erkrankt. Nun ja, wir würden versuchen, sie würdevoll vertreten!

 

 

 

Von Ritsem nach Nikkaluokta – Abschied von Padjelanta

Der gute Schlaf inspirierte uns zum Weitergehen. Etwa 30 Kilometer östlich von Ritsem befindet sich ein Einstieg zum Kungsleden, auf dem wir bereits letztes Jahr ein gutes Stück gegangen waren. Doch wie sollten wir dorthin kommen? Der einzige Bus fuhr erst nachmittags und so viel Zeit wollten wir nicht verlieren. Wir frühstückten gemütlich, packten zusammen und gingen vor die Tür. Ich sah mehrere Leute um ein Auto auf der anderen Straßenseite herum stehen. Erk machte sich auf den Weg, um sie zu fragen, ob sie uns vielleicht mitnehmen könnten, ich brachte unseren Zimmerschlüssel zur Rezeption. Und siehe da, der freundliche Schwede nahm uns gern in seinem antiken Jetta mit. Damals wurden Autos noch für die Ewigkeit gebaut. Am Ziel angekommen, bedankten wir uns und sprachen kurz mit einigen Leuten bei der Vakkotavare Hütte. Wir hatten zwar keine Karte für diesen Abschnitt. Der Hüttenwart ermutigte uns. Der Weg sei nicht zu übersehen und einfach zu gehen. Alsdann.

Die Sonne kämpfte sich immer wieder durch die Wolken. Es war trocken und ging natürlich erst einmal kräftig bergauf. Man merkte dem Weg an, dass deutlich mehr Leute darüber gelaufen waren. Er war sehr ausgetreten und bestand teilweise nur aus verschieden großen Steinen. Schwer zu gehen. Als wir das Hochfjäll erreicht hatten, boten sich herrliche Ausblicke.

Leider verdichteten sich die Wolken dann wieder. Es begann erst leicht, später ausgiebig und pladdernd zu regnen. Deshalb gibt es vom Rest des Tages leider keine Bilder. Wir stiegen den ganzen Weg wieder hinunter und erreichten den See Teusajaure. Zum Glück lagen zwei Boote auf unserer Seite. Ich ruderte uns hinüber und da es erst 14h war und aufgehört hatte zu regnen, entschieden wir uns, die neun Kilometer zur nächsten Hütte, Kaitumjaure, noch zu gehen. Dann wären es insgesamt 24 Kilometer, inzwischen keine Entfernung mehr.

Dabei stellte sich  heraus, dass eine Karte durchaus sinnvoll gewesen wäre. Nicht etwa, weil wir den Weg aus den Augen verloren hätten. Nein, keineswegs. Aber manchmal ist es hilfreich zu wissen, wie viele Höhenmeter einen noch erwarten. Es ging wieder ins Hochfjäll. Und natürlich auf der anderen Seite wieder hinunter. Die Wegbeschaffenheit verschlechterte sich immens. Ich bekam schlechte Laune und begann, Steine zu hassen. Nicht, dass das etwas geändert hätte. Erk rutschte noch einmal auf einer nassen Planke aus und seine Laune verschlechterte sich nun auch immer mehr. Wir waren beide an der Grenze unserer Kräfte angelangt und keine Hütte war in Sicht. Es nützte nichts. Weitergehen.

Wir trafen in Kaitumjaure sehr nette Leute und hatten einen richtig schönen Abend miteinander. Der Hüttenwirt bat uns, bei der Vernichtung des Leichtbieres zu helfen. Die Dosen würden im Winter platzen und das Mindesthaltbarkeitsdatum war fast abgelaufen. Schon skurril. Dosenbier im Fjäll. Als Dank bekamen wir eins geschenkt. Es schmeckte köstlich!

Am nächsten Morgen machten wir uns zeitig auf die Socken. Wieder schien die Sonne, aber die Wolken waren bereits in Sicht. Das Gehen fiel uns von Tag zu Tag leichter. Kurz vor der Mittagsrast fanden wir den Querverbindungsweg nach Kebnekaise. Er führte uns über einen Pass in das recht schmale und dunkle Tal gen Kebnekaise. Wieder begann es zu regnen und die Wolken hingen, genau wie das Jahr zuvor, so tief, dass wir den Gipfel des legänderen Kebnekaise nicht sehen konnten. Wir wateten durch einen breiten Fluß und danach ging es immer leicht bergauf und bergab. Anstrengend. Wir erreichten die Fjällstation erst gegen halb sechs, ziemlich kaputt und pitschepatsche naß. Die Unterbringung in einem Vierbett(!)zimmer kostete uns schlappe 120€, echter Wucher, dafür dass man in einer Gefängniszelle mehr Platz hätte.

Die Anstrengung machte uns albern. Ich kochte ein Tabuleh, das etwas fest geriet und an Spachtelmasse erinnerte. Die passende Kost zum Zimmer, befand Erk. Wir jagten einem deutschen Pärchen noch ein wenig Angst ein. Nicht nett, ich weiß. Aber sie hatten für die 19 km von Nikkaluokta hierher zwei (!) Tage gebraucht. Wir absolvierten die Strecke am nächsten Vormittag in vier Stunden. Okay, wir waren trainiert und unsere Rucksäcke vergleichsweise leicht, weil wir den ganzen Proviant verputzt hatten, aber zwei Tage braucht man dafür wirklich nicht. Und der feine Nieselregen lud auch nicht gerade zum Verweilen ein. Wir erreichten Nikkalouokta zwei Minuten, bevor der Bus nach Kiruna abfuhr. Schwein gehabt.

Die Zivilisation lockte mit Gemüse und Wein, aber ein wenig traurig waren wir doch darüber, dass ein weiterer Wanderurlaub sich dem Ende näherte. Das  Hotel City (www.hotellcity.se), in dem wir auch letztes Jahr gewohnt hatten, hatte “unser” Zimmer noch frei und so verbrachten wir noch einen gemütlichen Tag in Kiruna.

Der leider auch verregnet war. Am Tag darauf fuhren wir mit dem Zug zurück nach Luleå, übernachteten in einem scheusslich klimatisiertem Zimmer (www.citysleep.se), aßen ein leckeres Sushi und “wanderten” am nächsten Morgen die zehn Kilometer zum Flughafen, ungläubig gemustert von einigen schwedischen Jugendlichen, die wir nach einem hübscheren Weg fragten. Zum Flughafen sei es doch viel zu weit! Es gab leider keine Alternative zur Straße. Wie um uns zu verspotten schien die Sonne aus einem strahlend blauen Himmel. Doch Lappland ist auch im Regen schön.

Padjelanta 6

Wenn Lemminge sich unterhalten klingt das für menschliche Ohren wie das Gezwitscher von Wellensittichen. Ihr Geschnatter begleitete uns täglich. Sie hausen mit Vorliebe unter den Bohlenwegen, die zum Fjällschutz ausgelegt werden. Geht man auf den Wegen entlang, laufen sie panisch vor einem her und tauchen mal links, mal rechts neben den Wegen auf. Ein Lemming unterschied sich von seinen Artgenossen durch seine Furchtlosigkeit. Statt panisch und quiekend zu flüchten,  ging er fauchend auf Erk los.

Erk holte seine Kamera hervor. Normalerweise sind die Lemminge, wenn man die Kamera auf sie richtet, sofort in einem Erdloch verschwunden. Dieser jedoch kam näher und näher und richtete sich drohend auf. So entstand eine ungewöhnliche Lemmingfotostrecke.

Nach dieser erheiternden Episode gingen wir beschwingt weiter. Die Einsamkeit und Weite des Hochfjälls verzauberten uns und der ungewohnte Sonnenschein wärmte wohltuend.

Laut Karte trennte uns noch ein weiterer Aufstieg vor dem endgültigen Abstieg zum Akkajaure, einem riesigen künstlichen Stausee, den die Schweden bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Energiegewinnung bauten. So einfach war das natürlich nicht. Das Tal, in dem sich heute der Akkajaure befindet, war von zahllosen kleinen, miteinander verbundenen Seen durchzogen. Durch den Bau des Suorvdamms wurde das ganze Tal geflutet, ursprüngliche Siedlungen der Samen mußten aufgegeben werden. Des einen Freud, des andren Leid…

Als wir aufsahen, bemerkten wir, dass uns eine kleine Herde von Rentieren schon seit einer Weile folgte. Man ist eben nie so allein, wie man sich wähnt. Nachdem Erk sie fotografiert hatte, trollten sie sich elegant. Ganz schön eitel, die Viecher.

Nach dem Mittagessen, vor dem letzten Aufstieg, durfte das Selbstauslöserbild natürlich nicht fehlen.

Danach ging es hinauf, 300 Höhenmeter wollten erklommen werden. Dabei gerieten wir mächtig ins Schwitzen, aber jeder Aufstieg lohnt sich wegen der unvergleichlichen Aussicht!

Es war recht frisch in dieser Höhe. Wir waren froh, als wir uns wieder an den Abstieg machen konnten. Die Wolken hatten sich aus dem Nichts angeschlichen und verhießen nichts Gutes. Nach zwei Stunden kam die erste Birke in Sicht.

Von dort aus war es nicht mehr weit bis zu den Hütten von Kisuris. Da es zu regnen begonnen hatte, als wir sie errichten, gönnten wir uns den Komfort einer weiteren Nacht mit einem festen Dach über dem Kopf.

Am nächsten Morgen waren wir ein wenig traurig, weil wir am Ende des Tages in Ritsem, auf der anderen Seite des Akkajaure ankommen würden. Das Ende des Padjelantaleden war fast in Sicht. Schade. Die Wolken hingen noch tief, aber es war trocken. Nach gut anderthalb Stunden öffnete sich der Birkenwald für eine kleine Aussicht.

Wir kamen gut voran, schnackten mit einem deutschen Pärchen, das gerade dem nassen Sarek entronnen waren. Das schien eine grenzwertige Erfahrung gewesen zu sein. Zumal es letzter Zeit extrem nass  gewesen war. Ich habe noch nie so zerfetzte Wanderstiefel gesehen wie die des Mannes.

Gegen Mittag erreichten wir die Brücke über den letzten großen Fluß.

Der Gletscher rechts im Bild faszinierte mich, aber die Nahaufnahme des Gletschers wurde nicht besonders..

Die Sonne schälte sich endlich aus den Wolken. Wir passierten Akkastugorna und erreichten den Bootsanleger eine halbe Stunde vor Abfahrt des Bootes. Damit hatten wir nicht gerechnet. Hocherfreut nahmen wir das Angebot einer älteren Samin an, Räucherfisch und Fladenbrot zu kaufen. Das erste Brot seit Tagen schmeckte göttlich!

In Ritsem nahmen wir ein Zimmer in der Fjällstation, wuschen unsere Sachen und uns und gönnten uns zum Abendbrot eine dicke Pizza. Wir hatten noch vier Tage Zeit und überlegten, was wir damit anfangen wollten. Weitergehen, soviel war klar. Aber wohin? Vielleicht würden wir über Nacht eine gute Idee bekommen.

Padjelanta 5

Die Erinnerung neigt dazu, schnell zu verblassen, wenn man erst einmal wieder in heimischen Gefilden weilt. Damit mir kein Ortsname und kein Erlebnis entfällt, habe ich jeden Morgen fleißig geschrieben.

Nach dem Frühstück packten sich die Rucksäcke inzwischen fast von allein. Jedes Ding hat seinen festen Platz gefunden. Wir hatten uns an das Unterwegssein gewöhnt. Die Wolken hingen zwar tief, aber es war trocken. Der erste Hügel war schnell erklommen und das Gehen machte richtig Spaß.

Nach der Brücke ging es 300 Höhenmeter steil bergauf zum Pårkasattel. Schweissgebadet rasteten wir am Rand des Hochplateaus. Der Blick von oben auf die umliegenden Bergspitzen war wunderschön, auch wenn sich einige von ihnen vornehm verhüllten.

Ungefähr auf halber Strecke stand eine Steinfigur, bei deren Anblick wir uns unwillkürlich fragten, ob nicht doch ein Mensch seine Finger im Spiel gehabt haben könnte.

Wir setzten uns zu ihr und aßen einen Happen. Ein paar Rentiere leisteten uns Gesellschaft. Der Regen verschonte uns und bis zu den Hütten von Låddejåkka war es nicht mehr allzu weit.

Von oben sah der Abstieg zu den Hütten sanft aus, aber es war recht steil. Da man seine Bergabgehmuskulatur in Hamburg selten braucht, schmerzte sie mich inzwischen ganz ordentlich.

Auf halber Strecke ruhten wir uns noch einmal aus. Es war erst später Nachmittag und wir hatten unser Nachtlager schon vor Augen. Erk fotografierte, ich genoß die Landschaft ohne Linse und erspähte tatsächlich einen Adler.

Es ging über eine weitere Brücke über einen Fluß, der sich im Laufe der Zeit sein Bett durch die lockeren Gesteinsschichten gegraben hatte. Dabei verursachte er noch immer einen ganz schönen Lärm.

Wir waren unendlich dankbar für den trockenen Tag. Wieder waren wir völlig allein in der Hütte. Ein Wanderer kam zwar aus Norden, er schlug sein Zelt jedoch auf der anderen Seite des Flusses auf. Da es noch früh war, machten wir uns eine Schüssel Wasser warm und wuschen uns endlich den Schweiß der letzten Tage ab. Herrliche Frische.

Erk hatte sogar noch Energie zum Herumalbern. Wir aßen, lasen noch ein wenig und dann war auch schon Schlafsackzeit. Ich stolperte bei der letzten Zigarette fast über einen Fuchs. Er starrte mich vorwurfsvoll an, so kam es mir jedenfalls vor. Wahrscheinlich hatte ich seine Beute verscheucht.

Am nächsten Morgen schien die Sonne. Unglaublich. Wir verzichteten zum ersten Mal auf die Regenhosen und entschieden uns für den “alten” Weg. Der führte über die nächste Hochebene statt unten am See entlang. Das hieß natürlich erst einmal wieder Aufstieg.

Insgesamt sollte es dieses Mal gut 400 Höhenmeter hinauf gehen. So hoch waren wir bislang noch nicht gekommen. Die Sonne wärmte uns den Rücken, die Landschaft war traumhaft schön und wir waren gespannt, wie lange wie für die gut 20 km brauchen würden.

 

Padjelanta 4

Am nächsten Morgen war es trocken und ich konnte durch das Fenster sogar einige blaue Flecken am Himmel ausmachen. Meine Beine fühlten sich für die am Vortag absolvierten Kilometer erstaunlich gut an. Wir frühstückten, packten und machten uns auf den Weg nach Arasluokta.

Die Etappe war zwar nur 12 km lang, aber es ging anfangs gleich 200m hinauf ins Hochfjäll. Das brachte uns in voller Regenmontur ganz schön ins Schwitzen. Wenn das Wetter so unbeständig ist, empfiehlt es sich, morgens gleich Regenhose und Gamaschen anzuziehen. Denn fängt es erst einmal an, dann bleibt keine Zeit mehr, im Rucksack zu kramen.

Wir arbeiteten uns schließlich hoch. Der Moment des Innehaltens, der Blick zurück ist stets faszinierend. Zum einen sind die Lichtverhältnisse völlig anders und zum anderen ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, wieviel Weg schon hinter einem liegt. Auf zwei Beinen kann man sich  erstaunlich weit fort bewegen. Am Anfang dieser Wanderung dachte ich oft, 145km, wow, wie soll ich das je schaffen und nun waren wie bereits bei der Hälfte des Wegs angelangt.

Eine Riegel und eine Zigarette später empfing uns das Hochfjäll, scheinbar nicht von dieser Welt. Eine bizarre Landschaft aus kleinen Seen, niedrigem Heidebewuchs und leider wieder auch dichten Wolken. An Weitblick war nicht zu denken.

Seitdem wir in Staloluokta losgegangen waren, hatten wir keine Menschenseele getroffen. Das ist der Vorteil der Nachsaison. Die Hütten sind ab Anfang September unbewirtschaftet. Man trifft höchstens zwei bis vier Menschen pro Tag. An diesem Tag tauchten an der höchsten Stelle zwei Gestalten aus den tief hängenden Wolken auf. Ja, jetzt wären wir ungefähr auf der Hälfte des Weges. Nein, man könne den schönen Ausblick nicht genießen. Meist bleibt man stehen, um Informationen auszutauschen. Ich freue mich tatsächlich auf die Menschen, die mir begegnen.

Pünktlich zur Mittagszeit fing es an, wie aus Eimern zu schütten. Wir aßen unsere Stulle stoisch und machten uns an den Abstieg. Viele unförmige Steine, glitschig und steil. Es gibt gute und schlechte Steine. Die guten sind flach und in Schrittlänge, die schlechten zu dicht zusammen oder zu weit auseinander und spitz oder moosbewachsen und rutschig. Nach guten fünf Stunden tauchten endlich die Hütten von Arasluokta auf. Kein Mensch weit und breit. Wir machten es uns gemütlich.

Nach einem kurzem Mittagsschlaf war es Zeit für das Abendessen. Als ich danach eine Zigarette rauchte, kamen zwei jüngere Männer von Norden. Deutsche. Berliner. Es war ihre erste Tour. Wir unterhielten uns eine Weile. Sie hatten auch Schwierigkeiten, den Gasofen in Gang zu bekommen. Ich konnte helfen. Plötzlich tauchte eine Elchkuh in der Dämmerung auf.

Leider war es für ein scharfes Bild schon zu dunkel. Erk und einer der Berliner folgten ihr noch eine Weile. Eine andere Art der Jagd. Mir war kalt. Ich blieb am Ofen und las, endlich. Die Autobiographie von Patti Smith erwies sich als äußerst fesselnd.

Und so ging ein weiterer Wandertag seinem Ende entgegen. Zu Hause wäre ein Tag mir oft nur wenige Sätze wert, auf Reisen reicht er meist für einen kompletten Artikel. Bonne nuit!