Padjelanta 4

Am nächsten Morgen war es trocken und ich konnte durch das Fenster sogar einige blaue Flecken am Himmel ausmachen. Meine Beine fühlten sich für die am Vortag absolvierten Kilometer erstaunlich gut an. Wir frühstückten, packten und machten uns auf den Weg nach Arasluokta.

Die Etappe war zwar nur 12 km lang, aber es ging anfangs gleich 200m hinauf ins Hochfjäll. Das brachte uns in voller Regenmontur ganz schön ins Schwitzen. Wenn das Wetter so unbeständig ist, empfiehlt es sich, morgens gleich Regenhose und Gamaschen anzuziehen. Denn fängt es erst einmal an, dann bleibt keine Zeit mehr, im Rucksack zu kramen.

Wir arbeiteten uns schließlich hoch. Der Moment des Innehaltens, der Blick zurück ist stets faszinierend. Zum einen sind die Lichtverhältnisse völlig anders und zum anderen ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, wieviel Weg schon hinter einem liegt. Auf zwei Beinen kann man sich  erstaunlich weit fort bewegen. Am Anfang dieser Wanderung dachte ich oft, 145km, wow, wie soll ich das je schaffen und nun waren wie bereits bei der Hälfte des Wegs angelangt.

Eine Riegel und eine Zigarette später empfing uns das Hochfjäll, scheinbar nicht von dieser Welt. Eine bizarre Landschaft aus kleinen Seen, niedrigem Heidebewuchs und leider wieder auch dichten Wolken. An Weitblick war nicht zu denken.

Seitdem wir in Staloluokta losgegangen waren, hatten wir keine Menschenseele getroffen. Das ist der Vorteil der Nachsaison. Die Hütten sind ab Anfang September unbewirtschaftet. Man trifft höchstens zwei bis vier Menschen pro Tag. An diesem Tag tauchten an der höchsten Stelle zwei Gestalten aus den tief hängenden Wolken auf. Ja, jetzt wären wir ungefähr auf der Hälfte des Weges. Nein, man könne den schönen Ausblick nicht genießen. Meist bleibt man stehen, um Informationen auszutauschen. Ich freue mich tatsächlich auf die Menschen, die mir begegnen.

Pünktlich zur Mittagszeit fing es an, wie aus Eimern zu schütten. Wir aßen unsere Stulle stoisch und machten uns an den Abstieg. Viele unförmige Steine, glitschig und steil. Es gibt gute und schlechte Steine. Die guten sind flach und in Schrittlänge, die schlechten zu dicht zusammen oder zu weit auseinander und spitz oder moosbewachsen und rutschig. Nach guten fünf Stunden tauchten endlich die Hütten von Arasluokta auf. Kein Mensch weit und breit. Wir machten es uns gemütlich.

Nach einem kurzem Mittagsschlaf war es Zeit für das Abendessen. Als ich danach eine Zigarette rauchte, kamen zwei jüngere Männer von Norden. Deutsche. Berliner. Es war ihre erste Tour. Wir unterhielten uns eine Weile. Sie hatten auch Schwierigkeiten, den Gasofen in Gang zu bekommen. Ich konnte helfen. Plötzlich tauchte eine Elchkuh in der Dämmerung auf.

Leider war es für ein scharfes Bild schon zu dunkel. Erk und einer der Berliner folgten ihr noch eine Weile. Eine andere Art der Jagd. Mir war kalt. Ich blieb am Ofen und las, endlich. Die Autobiographie von Patti Smith erwies sich als äußerst fesselnd.

Und so ging ein weiterer Wandertag seinem Ende entgegen. Zu Hause wäre ein Tag mir oft nur wenige Sätze wert, auf Reisen reicht er meist für einen kompletten Artikel. Bonne nuit!

 

 

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Padjelanta 3

Der Wind war über Nacht zu einem regelrechten Sturm angeschwollen. Er rüttelte und zerrte an der kleinen Holzhütte. Wir sahen skeptisch aus dem Fenster. Auf dem Weg zum Toilettenhäuschen hätte es mich fast umgeweht. Zum Glück würden wir mit dem Wind im Rücken weitergehen. David hingegen musste dagegen an kämpfen. Nach dem Müsli, mit heißen Wasser angerührt gar nicht so übel (dank an Andrea), packten wir. David versprach, von zu Hause eine Mail zu schreiben. Der Wind trug uns förmlich die 300 Höhenmeter auf das Hochfjäll. Es war gar nicht anstrengend. Oben angekommen sah ich mich fasziniert um und erinnerte mich. Genau das war der Grund, warum wir die Strapazen auf uns nahmen. Was für eine Weite übersät mit bizarr geformten Steinen, so unfassbar karg. In der Ferne Gipfel von noch höheren Bergen. Der Weg schlängelte sich um einige Seen herum zur Truottarhütte.

Es war erst Mittag. Ich holte Wasser und wir kochten uns in der Hütte einen Kaffee. Hier oben (auf 900 m) zauste der Wind die Hütte noch viel stärker. Sein Heulen klang fast ein wenig unheimlich. Wir aßen eine Stulle, zum Glück hatten wir noch Brot, und beratschlagten uns. Die nächste Hütte, Staloluokta, war von hier aus noch 19 km entfernt. 11 km waren wir schon gegangen. Wir hatten den Wind im Rücken. Es ging bergab. Es war noch früh am Tag. Weitergehen?

No risk, no fun. Wir machten uns auf den Weg. Es ging an weiteren Seen entlang sanft bergab, mal kam der Wind direkt von hinten, mal leicht von der Seite. Dann wurde das Geradeausgehen schwierig. Wir kamen zügig voran und der Regen hielt sich auch vornehm zurück.

Auf halber Strecke kamen uns zwei schwer kämpfende Gestalten entgegen. Die Ärmsten. Wir sprachen einige ermunternde Worte und gingen weiter. Endlich erreichten wir die im Wanderführer angekündigte Hängebrücke. Von dort aus sollten es „nur“ noch 8 km sein. Wir waren inzwischen recht platt. Zeit für eine Pause und eine Handvoll Studentenfutter.

Von dem Zeitpunkt an wurde das Gehen deutlich anstrengender. Der Weg zog sich schier endlos an einem großen See entlang, über einen Hügel und da! endlich! Die samischen Steinkreise, die wahrscheinlich die Umrisse einer Zeltkåta darstellen. Ein innerer Kreis als Feuerstelle und ein äußerer für das Zelt.

Was genau die Samen hier getrieben haben, ist leider nicht bekannt. War es eine Sommersiedlung oder gar ein heiliger Ort? Laut Führer waren es noch gut zwei Kilometer. Das gab mir neue Kraft und ich sprintete dem Ziel entgegen. Erk war leider nicht mehr zu großem Tempo zu motivieren. Aber sein Rucksack war auch viel schwerer als meiner.

Ich konnte mich kaum satt sehen. Was für ein wunderschöner Ort. Wir blieben immer wieder stehen, um zu schauen. Dieses Mal nicht aus Müdigkeit. Die Hütten fest im Blick marschierten wir die letzten zwei Kilometer.

Wir hatten es geschafft. Ein riesiges Hochgefühl überkam uns. 30 km lagen hinter uns, unvorstellbar. Das ist zu Hause selbst mit dem Rad schon eine ganze Ecke. Wir machten es uns in der Hütte gemütlich. Essen, waschen und endlich schlafen. Herz, was willst du mehr?

Padjelanta 2

Es könnte der Eindruck entstanden sein, ich wolle mich über das Wetter in Lappland beklagen.  Ich gebe zu, dass ich in den ersten Tagen unserer diesjährigen Wanderung enttäuscht und genervt war. Aber mit jedem neuen Tag, der dank der Trockenräume in den Hütten mit trockenen Klamotten begann, hatte ich die Möglichkeit, über meine Einstellung bezüglich des Wetters nachzudenken. Denken kann man viel, wenn man nichts zu tun hat, ausser zu gehen. Und so gelang es mir bereits nach dem dritten Tag, den Regen nicht mehr persönlich zu nehmen. Das erleichterte die Sache ungemein. Es regnete immer mal wieder. Ich wurde nass. Na und? Ich erinnerte mich an die Worte meiner Urgroßmutter, raus mit euch an die frische Luft, rief sie, wenn wir allzu übermütig bei Regen im Haus herum tobten. Wir maulten. Keine Widerrede, der Regen tut euch nichts, ihr seid doch nicht aus Zucker, hieß es dann. Und sie hatte recht. Die Luft roch herrlich frisch und lockte die bunten Schnecken hervor, die wir dann sammelten und mit denen wir vergnügliche Stunden verbrachten. Schneckenrennen, was für ein Spaß! Weiter im Bericht:

Wir machten uns also nach ewigem Hin-und Herüberlegen, umdrehen und nach Hause fahren oder weitergehen, am nächsten Morgen auf gen Såmmerlappa. Die ersten zwei Stunden waren trocken. Der Weg weiterhin anspruchsvoll. Ich machte auf einer nassen Planke den „Matschkäfer“, als der Regen wieder einsetzte. Zum Glück fällt man mit dem dicken Rucksack stets auf den gut gepolsterten Rücken. Es galt einen Fluss zu durchwaten und über zahllose Steine zu kraxeln. Nach gut fünf Stunden erreichten wir die letzte Stf-Hütte. Die freundliche Stugvårdin brachte uns ein Glas Saft. Wir waren ihre einzigen Gäste. Ich nahm aus Hygienegründen ein Bad im eiskalten See. Erk verzichtete. Wir trockneten unsere Sachen. Das wurde langsam zur Routine. Den Abend verplauderten wir.

Am nächsten Morgen hingen die Wolken zwar noch tief, aber wir konnten trocken starten. Die Birken lichteten sich endlich.

Wir begegneten nur wenigen anderen Wanderern. Während der Mittagsrast fing es wieder an zu regnen. Deshalb gibt es auch von diesem Tag keine weiteren Bilder. Ich rutschte noch einmal aus und der Weg zog sich. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen die Tarraluopalhütten in Sicht. Wir wateten durch einen sehr tiefen Fluss. Ich sah Gewölle und hielt nach dem Verursacher Ausschau. Ob es hier tatsächlich Eulen gab?

Als wir an der Hüttentür ankamen, hieß uns David herzlich willkommen. Er war seit zwei Tagen allein unterwegs gewesen ohne eine Menschenseele zu treffen und freute sich über Gesellschaft. Draußen begann es heftig zu stürmen. Nach einer Weile fanden wir heraus, wie der Gasofen funktioniert. Man muss bloß vor Inbetriebnahme draußen einen Lüftungsdeckel entfernen. Darauf muss man erstmal kommen. Mit Birkenholz zu heizen ist wesentlich einfacher. Wir tranken an dem Abend eine Menge Tee und ein wenig Rum und unterhielten uns gut. David machte sich Sorgen. Er hatte seiner Mutter versprochen, sich unterwegs regelmäßig per Handy zu melden. Leider gibt es in Patjelanta gar kein Netz. Wir beruhigten ihn, aßen gemeinsam und dann war es auch schon wieder Schlafsackzeit. Als ich hinaus ging, um eine letzte Zigarette zu rauchen, flog eine recht große weiße Eule an mir vorbei, der Urheber der Gewölle, manchmal hat das Rauchen auch seine Vorteile.

Padjelanta – Nasse Tage Fjäll

Es hätte uns schon vor der diesjährigen Lapplandtour klar sein müssen, dass etwas nicht wollte, dass wir hoch in den Norden fuhren. Die Flüge nach Kiruna waren innerhalb eines Jahres fast doppelt so teuer geworden und der ausgefallene Sommer schrie nach Strandurlaub im Süden. Aber ein merkwürdiger Wille trieb uns an. Ich fand einen einigermaßen bezahlbaren Flug nach Luleå. Von dort aus sollte es noch am selben Tag per Bus weiter gehen nach Jokkmokk. Das Hostel war gebucht. Am Tag vor unserer Abreise verstarb mein Großvater. Oje. Sollten wir doch bleiben? Schwierige Entscheidung. Lappland rief. Wir flogen.

Am nächsten Morgen war der Himmel mit tiefhängenden Wolken bedeckt. Der Bus nach Kvikkjokk, u. a. der Ausgangspunkt für eine Wanderung den Padjelantaleden entlang, ging um 10h. Schnell hatten wir unsere Siebensachen gepackt. Wir waren die einzigen Passagiere. Nach gut zwei Stunden schmiss der Busfahrer uns vor der Kirche in Kvikkjokk raus. Es regnete inzwischen leicht, aber beständig. Auf das Boot mußten wir noch gut zwei Stunden warten. Im Regen. Einen Unterstand gab es nicht. Unsere Laune sank. Der samisch aussehende Bootsmann verbreitete Frohsinn und zeigte uns stolz seine Flüsse.

Ich machte gute Miene zum nassen Spiel. Noch wußte ich nicht, dass die Nässe unser ständiger Begleiter bleiben würde.

Endlich waren wir am Ausgangspunkt unserer Wanderung. Umgeben von hohen Birken ging es immer am Fluss entlang sanft bergan. Die Wolken hingen so tief, dass wir wenig sehen konnten und die mit Essen voll gestopften Rucksäcke bremsten uns an diesem ersten Tag gewaltig. Aber was soll man machen? Es gibt zu dieser Jahreszeit nichts mehr zu kaufen auf den folgenden 145 km. Die Hütten schließen Anfang September und hungrig zu wandern ist keine gute Idee. Es tröstete, dass das Gewicht durch den Verzehr jeden Tag etwas sinken würde.

Der Regen machte eine kurze Pause und wir entdeckten nach drei Stunden einen perfekten Zeltplatz vor einer Brücke. Es war schon fast 18h, also packten wir kurzerhand das Zelt aus und stellten es auf. Soweit, so gut. Kaum hatten wir unser mexikanisches Reisgericht verzehrt, setze der Regen wieder ein. Wir legten uns in unsere Schlafsäcke und schliefen schon um 21h wie die Murmeltiere.

Es regnete und regnete. Wir frühstückten warmes Müsli im Zelt und gaben die Hoffnung auf ein trockenes Zelt auf. Nach gut einer Stunde erreichten wir die erste Stf-Hütte, Nunjes. Dort durften wir uns kurz aufwärmen. Die Frau, die dort als Stuvgård arbeitete, erzählte uns, dass die nächsten sechs Kilometer wirklich schwierig zu gehen seien, gerade bei nassem Untergrund. Es ging an die 100 m hoch, eigentlich nicht der Rede wert, einen sehr steinigen Pfad entlang. Wir krochen über die glitschigen Steine und ich war sehr dankbar für den Neoprenhüftgurt, den mir eine deutsche Wanderin, die kurz vor Abschluß ihrer Wanderung stand, gegeben hatte. Wir erreichten die nächste Hütte, Tarrekaise, nach geschlagenen vier Stunden. Es war zwar erst drei Uhr nachmittags, aber wir entschieden, dort zu bleiben und erst einmal alles zu trocknen. Von diesem Tag gibt es auch keine Fotos, weil es schlicht zu nass war. Wir verbrachten den Nachmittag Tee trinkend und mit einer sehr netten Frau aus Hamburg plaudernd. Gegen Abend kamen drei sehr nasse schwedische Wanderer, die jährlich eine Tour zusammen machen. Sie brachten gute Laune und eine Menge Alkohol mit, den sie großzügig teilten. Der schöne Abend tröstete uns über den nassen Start hinweg.

Weserlängs 4

Am nächsten Morgen sah es verdächtig nach Regen aus. Wir packten das seltsamerweise völlig trockene Zelt ein, frühstückten und machten uns zeitig auf den Weg.

Nach einer guten halben Stunde erreichten wir Cuxhaven. Das Städtchen entpuppte sich als voll ausgebaute und erschlossene Touristenhochburg inklusive riesigen Appartmenthochhäusern direkt am Meer. Nicht ganz unser Fall. Wir umrundeten die Landnase und fuhren weiter, endlich wieder mit dem Wind. Es begann leicht zu regnen. Als wir eine kurze Pause machen wollten, tauchte wie aus dem Nichts ein Strandkorb an einer Hauswand auf, sehr praktisch. Leider wurde aus dem sanften Getröpfel bald ein ausgewachsener Dauerregen.

Wir durchquerten den Containerhafen, sehr aufregend, kilometerweise Luxuskarossen und reger LKW Verkehr, und erreichten schließlich Bremerhaven. An einer Schleuse mußten wir eine ganze Weile warten. Danach waren wir so nass, als hätten wir in voller Montur ein Bad in der Nordsee genommen. Mir wurde langsam kalt. Da half auch die mentale Vorstellung, mir sei warm nichts. Wir nahmen die Fähre nach Nordenham und fuhren schnell in die Stadt hinein. Direkt am Marktplatz lag das im bikeline Führer als fahradfreundlich ausgewiesene Hotel. Wir flossen hinein. Ja, sie hätten ein Zimmer für uns, die Räder könnten wir in der Tiefgarage parken.

Wir schleppten unser Gepäck zum Aufzug. Im vierten Stock erwartete uns ein behagliches Zimmer. Ein heiße Dusche und ein Becks später hatten sich alle unangenehmen Gefühle in Wohlgefallen aufgelöst. Zur Feier des Tages, beschlossen wir im hoteleigenen Bistro ein lecker Steak zu essen. Wenn schon, denn schon. Vorher machten wir noch einen kurzen Rundgang durch die etwas trostlos wirkende Innenstadt. Aber der Eindruck kann auch durch den Regen erzeugt worden sein.

Der Fahrstuhl regte zum Herumalbern an. Mit einem köstlichen Steak im Bauch sieht die Welt doch gleich ganz anders aus…

Am nächsten Morgen labten wir uns am luxuriösen Frühstücksbuffet und brachen früh auf. Wir wollten es bis zum Wümmeradwegabzweiger schaffen.

Das Wetter zeigte sich zum Glück wieder von seiner freundlichen Seiten und kaum hatten wir uns versehen, waren wir auch schon auf der Fähre Richtung Bremen Vegesack. Für den Wümmeradweg hatten wir zwar keine Karte, aber der würde doch bestimmt fantastisch ausgeschildert sein – denkste Puppe. Wir verfransten uns mehrere Male. Erks Stimmung sankt gen Gefrierpunkt und ich hatte allmählich auch die Nase voll. Neben der Wümme auf dem Deich war es anfangs zwar richtig schön (Naturschutzgebiet), aber dann entfernte sich der Weg immer weiter. Die Landschaft war auch nicht besonders spektakulär.

Irgendwie landeten wir in Ottersberg, ein Bahnhof auf der Strecke Bremen-Hamburg. Klare Sache, wir würden abkürzen und schon heute nach Melbeck Bahnhof das Haus meiner Eltern hüten fahren. Super Idee. Im Zug ergab sich ein interessantes Gespräch mit einer Grundschullehrerin aus Otterndorf, da waren wir doch auch gerade durch gekommen und einem Mann, der später zu stieg. Ich liebe solche Begegnungen.

In Lüneburg gönnten wir uns vor der Weiterfahrt eine köstliche original italienische Pizza am Sande und radelten schließlich glücklich heim. 105 km waren es doch wieder geworden.

Weserlängs 3

Am Morgen warf ich fröstelnd einen Blick auf Erks Tacho. 3°C. Ich hatte Glück gehabt, meine Sommerdaune hatte mich einigermaßen warm gehalten, aber Erk hatte in seinem Kunstfaserschlafsack richtig doll gefroren.

Soviel zum Thema „Sommer“. Zum Glück erwärmte sich die Luft recht zügig. Wir packten und beschlossen, nur schlapp 30 km nach Bad Oeynhausen zu fahren. Dort wohnt seit kurzem Felix. Pizza, ein weiches Bettchen und Schonung für den vom Ledersattel mal wieder wundgescheuerten Sitzbeinhöcker.

Am nächsten Morgen starteten wir ausgeruht mit Rückenwind. Der Radweg aus Bad Oe heraus verläuft meist im Grünen und kaum dass man sich versieht, hat man die Stadt auch schon hinter sich gelassen.

Die Porta markiert sehr prägnant das nördliche Ende des Weserberglands. Von dort an geht es flach, direkt an der Weser entlang voran. Wir kamen zügig voran. Durch Minden und immer weiter trieb uns der freundliche Wind. Kurz vor Stolzenau, der Weg führt dort eher über Land, nicht mehr direkt am Weserufer entlang, beschlossen wir, uns für die kommende Nacht eine feste Unterkunft zu suchen. Gewitter lag in der Luft. Ich telefonierte mit dem Naturfreundehaus in Nienburg. Kein Problem, wir kämen schon unter.

Ich entdecke diesen netten Zeitgenossen auf einer Wiese. Wir hielten an. Erk wollte ein Bild machen, aber der Storch zeigte uns hartnäckig sein Hinterteil. HATSCHI! prustete Erk unglaublich laut. Der Storch hob überrascht den Kopf und drehte sich halb zu uns. Klick. Und ich bekam einen Lachanfall, ob Erks ungewöhnlicher Methode, die Aufmerksamkeit eines Fotoobjekts zu erregen.

In Nienburg bekamen wir ein ganzes Haus nur für uns. Das Gewitter zog vorbei, aber ich habe selten besser geschlafen. Das Wetter war am nächsten Morgen kühl und wechselhaft und der Wind hatte auf Nordwest gedreht. Ungünstig. Das sollte auch über das kommende Wochenende so bleiben. Wir quälten uns nach Verden, nahmen unsere Stulle unter einer Brücke ein und diskutierten. warum sollten wir eigentlich nicht zwischendurch nach Hause fahren? Gedacht, getan. Das war auf der einen Seite blöd, weil wir dadurch wieder in den Alltagstrott kamen, auf der anderen gut, weil ich mein Halsweh auskurieren konnte.

Am Montag starteten wir direkt von zu Hause Richtung Cuxhaven. Clever, weil an dem Tag Ostwind war und er danach wieder auf Nordwest drehen sollte. Wir würden einfach anders herum fahren und dem Wind ein Schnippchen schlagen.

Von dem Anleger Landungsbrücken ging es mit der Fähre nach Finkenwerder. Da wohnen wir nun schon seit über drei Jahren in Hamburg und hatten es bis dato nicht geschafft, diese Möglichkeit zu nutzen. Nachdem wir das alte Land verlassen hatten, wurde die Verkehrsdichte erträglich. Die Landschaft ist von diversen Deichen geprägt. Wir fuhren durch hübsche Dörfer, immer weiter Richtung Westen. Am Nachmittag erreichten wir den Campingplatz Krautsand, unsympathisch. Der nächste war leider erst in Ottendorf, kurz vor Cuxhaven. Aber hey, was sind schon vierzig Kilometer. Die Sonne lachte, der Wind trieb uns voran und wir wurden nach 112 Kilometern mit einem wunderschönen Platz direkt an der Nordsee belohnt!

Nach einem schlichten Reisgericht, das nahe gelegene Restaurant servierte nach 19 (!) h kein Essen mehr, machten wir es uns auf dem Deich gemütlich und sahen der Sonne beim Sinken zu. In der Nähe trug ein frisch gebackener Bräutigam seine Braut ins Wasser. Was für ein Tag!

Weserlängs 2

Die Sonne weckte uns früh aus einem dornröschengleichen Schlaf, naja, fast. Die erste Nacht im Zelt verläuft fast immer unruhig. Die Isomatte ist ungewohnt hart, die Geräusche hören sich im Zelt seltsamerweise lauter an als draußen und das mit dem Kopfkissen haben wir auch noch nicht optimal gelöst. Meistens gibt es ein Klamottenknäul, aber das rutscht ständig weg. Ich habe jetzt ein aufblasbares Kissen, aber das knartscht, sobald man den Kopf bewegt.

Dornröschen rief, auch wenn das die Bewältigung von gut 400 Höhenmetern bedeutete. Mein unschlagbares Argument gewann, morgens ist man noch frisch und bergauf fahren ist immer ein gutes Konditionstraining. Der Fährmann lachte uns aus und meinte, dass alles besser werden würde, wenn das steinerne Bison in Sicht komme. Nun denn. Nach einer guten Stunde erspähte ich es, schweissgebadet. Von wegen besser. Ich musste auf das kleinste Kettenblatt schalten und konnte doch nur noch im Stehen fahren. Das gute an Bergen ist, dass man irgendwann unweigerlich den höchsten Punkt erreicht hat. Wir genossen leichte Abfahrten und einen wunderschönen Wald. Keine Autos. Himmlisch.

Schon beeindruckend, dass die Menschen im Mittelalter mit bloßer Muskelkraft solche riesigen Burgen bauen konnten. Heute befindet sich dort ein Hotel mit angeschlossenem Restaurant und Theatersaal. Wir hielten uns nicht lange auf und genossen die Abfahrt durch eine sehr abwechslungsreiche Hügellandschaft.

Das letzte Wegstück führte uns auf einer Schotterpiste durch ein riesiges Naturschutzgebiet. Anstrengend zu fahren, aber die friedliche Atmosphäre entschädigte uns reichlich. In Bad Karlshafen trafen wir wieder auf die Weser. Wir ließen das barocke Städtchen besichtigt hinter uns, radelten ein Stückchen an einer Bundesstraße entlang und dann direkt an der Weser. Autofrei. Ein wundervoller, frisch asphaltierter Radweg. Luxus. Bei Kaffee und Kuchen in Wehren beschlossen wir, den Campingplatz in Holzminden anzusteuern. In Höxter mußten wir die Flußseite wechseln, Radwegsanierung. Gute Sache. Wir verfuhren uns fast und erreichten Holzminden früher als erwartet. Der Platz war auf der anderen Seite. Riesengroß mit angeschlossenem Freibad, Halligalli und Highlife. Nicht gerade unser Ding. Schweren Herzens strampelten wir weiter nach Polle und wurden mit einem schnuckeligen, kleinen Platz belohnt. Blitzsaubere, neue Sanitäranlagen, lecker Bierchen und ein köstliches Abendessen. Mehr als verdient nach unfreiwilligen 85 km.

Am nächsten Morgen bewunderte ich den Sonnenaufgang und ging nach dem Schreiben Brötchen jagen. Die gab’s beim Fleischer, der noch ein echter Fleischer war. Die Wurst sah so gut aus, dass ich ein paar Scheiben kaufen mußte und die Fleischersfrau war sehr nett. Ich drücke ihr die Daumen, dass die Menschen wieder mehr Wert auf guten Geschmack legen!

So langsam entwickelte sich unsere übliche Radelroutine. In der ersten Fahrstunde war’s noch trocken und wir hatten Rückenwind. Es ging fast unheimlich schnell voran. Das sollte sich bald ändern. Es wurde kühler und der Wind drehte auf Nordwest. Und er nahm von Stunde zu Stunde zu. Immerhin blies er auch die Wolken weg. Mittags kamen wir an Hameln vorbei. Kein Besichtigungsbedarf. Kurz hinter Hameln stürzten wir uns auf unsere Kniften. Gegenwind macht extrem hungrig. Die letzten 20 km nach Rinteln waren eine echte Qual. Zum Glück war der Campingplatz direkt neben dem Zentrum klein und gemütlich. Wir ließen uns auf den Rasen fallen und konnten uns erst nach einem Bier dazu aufraffen, das Zelt aufzubauen und zu duschen-

Gestärkt machten wir uns auf Nahrungssuche, ein großes Steak sollte es sein. Rinteln bezauberte uns. Lauter niedliche Fachwerkhäuser, wunderschön. Ich fragte die Drogerieverkäuferin nach einem guten Lokal. Sie empfahl das “Leib und Seele”. Wir fanden es und gaben ihr recht. Guter Service, gutes Essen, schönes Lokal! Müde und satt fielen wir früh in die Schlafsäcke. Es war empfindlich kühl geworden. Würden unsere Sommerschlafsäcke uns genügend Wärme bieten?