1. Halbmarathon 2012

Vorab ein kurzes Lob für die Hamburger Bücherhalle. Ich bin mindestens einmal pro Woche dort und werde jedes Mal fündig. Es wird so viel neu angeschafft, dass ich mit dem Lesen kaum hinterher komme. Würde ich all diese Medien kaufen, wäre ich schon nach zwei Monaten pleite und meine Wohnung unpassierbar. Vor gut drei Monaten stieß ich dort auf ein spezielles Frauenlaufbuch. Viel Neues hatte es mir nicht zu bieten, aber es befand sich ein Schatz in diesem Buch (Lauf-Guide für Frauen): ein Trainingsplan!

Vor acht Jahren trainierte ich zuletzt nach Plan. Damals war das Ziel ein Marathon, den ich leider nicht mehr laufen konnte, weil ich gemeinsam mit Erk zu einer langen Radreise aufbrach. Für den Halbmarathon hat es noch gereicht. Ein unvorstellbar lange Strecke, 21 km. Eine Stunde radeln. Es war unglaublich anstrengend. Nicht, so lange zu laufen, sondern so lange relativ schnell zu laufen. Die genaue Zeit weiß ich nicht mehr, etwas unter 1:50, ganz passabel für den ersten Versuch.

Danach lief ich viele Jahre einfach so, meist nicht länger als eine Stunde und meist in einem mir angenehmen Tempo. Vielleicht hatte ich auch deshalb letzten Winter monatelang mir einer Achillessehnenentzündung zu tun, wer weiß. Monotone Belastung, zu wenig Abwechslung. Im Mai konnte ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder laufen. Das Buch fiel mir dann genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände. Ich verspürte unbändige Lust, mich noch einmal an einem systematischen Training zu versuchen. Maximal vier Einheiten pro Woche standen auf dem Plan. Die Abfolge war stets gleich. Am Montag ein mittellanger, langsamer Lauf. Am Mittwoch Tempotraining. Am Donnerstag eine halbe Stunde Regeneration und am Samstag der lange, langsame Lauf.

Ich weiß gar nicht, was härter war: die langen, langsamen Läufe oder das Tempotraining. Beides völlig ungewohnt für mich. Ich staunte, welche Strecken ich noch im Schneckentempo in anderthalb Stunden bewältigen konnte und war nach den Sprinteinheiten regelmäßig tomatenrot und ausgelaugt. Schwere Beine hatte ich ständig. Ich fragte mich, ob das Training mir tatsächlich etwas brachte und zweifelte am Sinn des Plans. Dann kam das erste Erfolgserlebnis in Woche acht (von zehn). 2 x 25 Minuten Schwellentempo und zum ersten Mal war es zwar immer noch anstrengend, aber auch irgendwie leicht. Welch Euphorie!

Den anschließenden 10 km Testlauf wollte ich unbedingt in 50 Minuten schaffen, nur so hatte ich eine geringe Chance, den Halbmarathon unter 1:50 zu laufen. Am diesem Samstagmorgen war die Landschaft mit glitzerndem Reif überzogen. Ich lief motiviert los und genoß die klare Luft. Nach ungefähr sechs Kilometern begannen meine Oberschenkelmuskeln zu brennen. Es ging bergauf, ich keuchte und quälte mich. Und plötzlich kamen die destruktiven Gedanken. Warum machst du das alles eigentlich? Du könntest hier abkürzen, ist doch nicht so wichtig, läufst du halt nächsten Samstag nochmal.

Einatmen, ausatmen, schau, du bist schon so weit gekommen und gut in der Zeit. Du schaffst das schon, los, weiter. Es gelang mir, die trüben Gedanken ziehen zu lassen und der Verlockung der warmen Stube zu widerstehen. Als ich die imaginäre Ziellinie kreutzte, fühlte ich mich unendlich glücklich. Geschafft, vorbei. 50:33, ganz ordentlich und ich hätte auch noch weiterlaufen können. Die wichtigste Erfahrung dieses Testlaufs war jedoch, dass Gedanken tatsächlich maßgeblich zu Erfolg oder Misserfolg beitragen. Das war mir vorher zwar theoretisch bewusst gewesen, aber praktisch hatte ich es noch nie so deutlich erlebt.

Zwei Wochen später war er da. Der Tag des Halbmarathons. Ich fühlte mich nicht besonders fit und dynamisch, zog meine Sachen an und rannte viel zu schnell los. Alter Anfängerfehler. Erk begleitete mich freundlicherweise mit dem Rad und hielt Tee mit Honig und einer Prise Salz bereit. Kilometer fünf. Inzwischen schwitzte ich stark. Die lange Gerade am Elbdeich zog wie im Flug an mir vorbei, eher meditativ als monoton. Kurzer Zeitcheck bei Kilometer zehn: 48:20, gar nicht übel. Nur leider fingen meine Oberschenkel unerträglich zu brennen an. Keine Kraft mehr. Weiter. Ein Schluck Tee wirkte Wunder. Schon war Kilometer fünfzehn in Sicht. Jetzt nochmal etwas zulegen, bergauf wieder hinein in die Stadt, eine Ehrenrunde um unsere Straße und: geschafft!

Zuerst konnte ich es kaum fassen. Ich war gerade 21 km gelaufen und zwar in 1:41:54! Wow! Nur knapp an meiner Wunschzeit unter 1:40 vorbei. Aber mehr wäre dieses Mal auch nicht drin gewesen. Ich hatte alles gegeben.

Nach dem Frühstück sickerte das Glücksgefühl langsam in mein Bewusstsein. Ein herrliches Gefühl. Ich verordnete mir eine einwöchige Laufpause und ein erneutes zehnwöchiges Halbmarathontraining mit etwas erhöhtem Umfang. Mal sehen, ob ich meine Zeit im nächsten Jahr nicht noch etwas verbessern kann und dann steht auch noch der volle Marathon auf meinem Wunschzettel. Nächstes Jahr.

Birdy Nam Nam

Ich weiß, es ist ein alter Hut. Massentierhaltung ist großer Mist, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Industrie verwurstet gequälte Kreaturen, bis zur Stehkrause voll mit Antibiotika. Die WHO warnt vor Pandemien ausgelöst durch mutierte Viren entstanden in den beengten Lebensverhältnissen. Viele Kinder leiden unter allen möglichen Allergien – so etwas gab es noch nicht, als ich Kind war – und wir werden immer fetter und kränker. Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs sind die häufigsten Todesursachen in den Industrienationen. Von den Auswirkungen der Massentierhaltung auf die Erderwärmung will ich gar nicht erst anfangen.

Eigentlich weiß jeder von uns um diese Dinge. Jeder hat mindestens einmal einen Bericht über die katastrophalen Zustände sowohl in der Haltung, als auch der Schlachtung von industriell erzeugten „Tieren“ gesehen oder zumindest angefangen zu schauen und dann doch vielleicht schnell weggezappt, weil sich diese Bilder einbrennen. In mir erzeugten sie Scham, ja, ich habe auch zu ihrem Schicksal beigetragen, indem ich Fleisch kaufte, Ekel und das unbestimmte Verlangen, etwas zu tun, um diese Zustände zu ändern. Aber was soll man schon ausrichten als einziger  gegen die Industrie mit ihren Heerscharen von Lobbyisten, die die Geldstrafen für ihre Umweltsünden mit einem Lächeln ableisten? Es ist sehr leicht, an diesem Punkt stehen zu bleiben und resigniert mit den Schultern zu zucken.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Macht sehr viel größer ist, als wir denken. Wem verdanken die Konzerne denn ihre gigantischen Gewinne? Uns natürlich. Mit jedem Euro, den wir für ihre Produkte ausgeben, unterstützen wir sie und bekommen dafür manchmal sogar nur Wasser. Das stieß mir bei der Lektüre des ausgezeichneten Buches „Tiere  essen“ von Jonathan Safran Foer am stärksten auf. Aus Verlegenheit um eine vertrauenswürdige Geflügelquelle kaufte ich letzte Woche ein Paket Hähnchenbrustfilet im Supermarkt. Es sollte ein Hühnchencurry geben, wir erwarteten Besuch. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen. Aber die Verdrängung funktionierte reibungslos. Bis ich las, dass die Hühnchen nach dem Ausbluten nacheinander im gleichen Becken gebrüht werden und eine Weile im Wasser gelassen werden, damit sich das Fleisch vollsaugen kann. In dieser Brühe befinden sich auch die Fäkalien der getöteten Tiere. Ein wundervoller Cocktail entsteht. Und zum teuer erkauften Wasser bekommt der Kunde dann auch gern ein Magen- und Darmgrippe gratis mitgeliefert. Ja ja, sie grassiert gerade…

Ich habe beschlossen, meine Macht zu nutzen und den Kauf dieser Produkte schlicht zu verweigern. Natürlich wird die Nahrungsbeschaffung dadurch etwas umständlicher und der Speiseplan deutlich vegetarischer. Eier zum Beispiel kann ich gelegentlich vom Nachbarn meiner Mutter bekommen. Der hält eine kleine Gruppe Hühner in seinem Garten. Ich kann über den Zaun schauen und ihnen beim Picken zusehen. Sie sehen zufrieden aus und ihr Gefieder ist meist intakt. Meine Mutter wohnt allerdings sechzig Kilometer von mir entfernt und wenn der Eiervorrat alle ist, gibt’s halt keine mehr. Und in mein gestern gekochtes Hühnchencurry Punjab wanderte statt Hühnchen Tofu. Es schmeckte ausgezeichnet.

Natürlich weiß ich, dass man sich nicht hundertprozentig korrekt verhalten kann. Der Gemüseanbau funktioniert ähnlich wie die industrielle Fleischproduktion und manchmal habe ich schon Lust auf Tomaten, wenn es bei uns noch keine gibt… Es geht auch gar nicht darum, dogmatisch irgendwelchen strengen Richtlinien zu folgen. Ich plädiere lediglich für bewusste Entscheidungen. Was gar nicht so einfach ist, angesichts der sauber verpackten Supermarktware, aber man kann einen Moment inne halten und überlegen, ob man die Dinge wirklich kaufen möchte oder ob nicht manchmal ein Verzicht möglich ist. Zuviel Fleisch ist eh ungesund. In diesem Sinne, guten Appetit!

Essen abstrakt

Abstrakt in dem Sinne, dass es hier nicht um die Erzeugung und Zubereitung von Nahrung geht, sondern um die Tätigkeit des Essens als solche. Darum kommen wir nicht herum, jedenfalls nicht auf Dauer. Jedes Lebewesen muss etwas zu sich nehmen, um weiterleben zu können. Eigentlich eine große Energieverschwendung. Der Regenwurm wird geboren, wächst heran und kriecht so durch den Rasen. Plötzlich landet eine Amsel neben ihm und zieht ihn genüsslich aus seinem Lebensraum. Ein Regenwurm weniger und eine relativ satte Amsel mehr. Für den Augenblick.

Bei uns ist das nicht anders. Und doch viel komplizierter. Es gab Zeiten, da war es so einfach. Männer jagen Mammut, erlegen es und schleppen Teile davon in ihre Höhle. Gruppe freut sich und verschlingt gemeinsam zuerst rohes, später auch gegrilltes Mammut gierig. Ergebnis: Mammut tot, Gruppe satt und lebendig. Irgendwann kamen wir auf die Idee, sesshaft zu werden und damit fing die ganze Chose an. Ackerbau, Viehzucht und immer aufwendigere Nahrungszubereitungsmethoden.

Es ging beim Essen nach und nach nicht mehr ausschließlich um die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse. Es gab plötzlich Mahlzeiten für spezielle Anlässe wie Weihnachten, Hochzeiten und Feiern aller Art. Ein besonderer Anlass verlangte nach einer außergewöhnlichen Speise und schon die Römer führten mit ihren opulenten Banketten die Nahrungsaufnahme als lebenserhaltende Maßnahme ad absurdum.

Im Zuge der Industrialisierung veränderte sich unsere Einstellung zur Nahrung noch einmal grundlegend. Plötzlich war es möglich, große Mengen billigst zu produzieren.  Nach einer zwischenzeitlichen Zeit der Nahrungsknappheit nach dem zweiten Weltkrieg lief die Sache mit dem Essen völlig aus dem Ruder. Auf der einen Seite wurde geschlemmt, was das Zeug hielt, Fleisch musste jeden Tag auf den Tisch, Fastfoodlokale schossen wie Pilze aus dem Boden und auf der anderen Seite fing das große Hungern an. Nein, nicht dort, wo es tatsächlich nichts zu essen gab. Hier bei uns. Das Bild der Idealfigur veränderte sich radikal.

Schlank zu sein um jeden Preis war das Motto der Stunde und ist es bis heute trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten geblieben. Man denke allein an die absurden Diäten: nur Ei, Trennkost, etc.  Hinzu kam der Jugendwahn. Schlank und jung, ein Leben lang. Warum auch immer das so unglaublich erstrebenswert scheint, wo doch der Körper so vergänglich ist. Essstörungen, Mangelernährung und Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen sind das Ergebnis der veränderten Einstellung und das in Ländern, die sowohl über Informationen die Ernährung betreffend als auch über alle Ressourcen verfügen. Ein Jammer.

Hinzu kommt, dass nicht mehr gemeinsam gegessen wird. Ein Käsebrötchen im Gehen auf dem Weg zur Arbeit, eine Portion Pommes in der Bahn – der Geruch erfreut alle Mitreisenden immer wieder auf’s Neue – oder eine Tafel Schokolade vor dem Fernseher. Dabei wird meist gar nicht mehr wahrgenommen, um was für eine Art Nahrung es sich handelt. Schnell muss es gehen, groß muss der Reiz sein, extrem süß, salzig oder fettig. In der Familie gibt es kaum noch gemeinsame Mahlzeiten, weil alle zu unterschiedlichen Zeiten kommen und gehen und hungrig sind. Kochen bedeutet meist Zeitverlust, da es mit Einkaufen, Zubereiten und Abwaschen verbunden ist. So die landläufige Meinung.

Ich mag nicht gern allein essen und freue mich jeden Tag riesig auf das gemeinsame Abendessen. Ich kaufe gern ein, ich koche und backe gern und noch viel lieber esse ich, was ich zubereitet habe, in netter Gesellschaft, versteht sich. Und zumeist weiß ich auch ungefähr, was drin ist, in meinem Essen. Das dauert wirklich nicht lange und mit etwas vorausschauender Planung und Kreativität lässt sich auch in zwanzig Minuten eine schmackhafte Mahlzeit auf den Tisch bringen. Dann gibt es eben eine Stunde weniger Fernsehen am Abend, darum ist es nicht besonders schade. Aber um ein verpasstes gemeinsames Essen umso mehr! Also, ab in die Küche, an die Töpfe! 😉

Nullrunde

Im Winter schleicht sich gern der Schlendrian ein. Wäre der Schlendrian ein Tier, sähe er aus wie eine Mischung aus Bobtail und Warzenschwein. Es fällt euch schwer, euch dieses Vieh vorzustellen? Es ist zwar hässlich und stinkt, aber es hat auch einen gemütlichen Zug um den Mund und sein Grinsen ist unwiderstehlich. Seine Stimme klingt samtig und suggestiv. Es flüstert dir beispielsweise gern abends ins Ohr: „Och, das Essen schmeckt so lecker, lass uns doch noch etwas mehr davon genießen.“ Und eigentlich bist du schon pappsatt. Aber weil’s so gut schmeckt… Und es überredet dich zu noch einem Glas Rotwein, noch einem Whiskey, noch einem Stück Schokolade… und ehe du dich’s versiehst, spannt die ehemals so bequeme Jeans an Bund und Oberschenkeln. Wie konnte das bloß passieren? Du bist doch regelmäßig laufen gegangen und überhaupt! Gemein, denkst du und der Schlendrian grinst zufrieden.

Natürlich gibt es keinen Schlendrian. Das ist nur der Teil von uns, der gern alle Fünfe gerade sein lässt. Der uns müßig sein lässt, was gelegentlich auch  gut ist, sonst kämen wir in unserem Hamsterrad nie zur Ruhe. Nach so einem langen, kalten und grauen Winter jedoch war es an der Zeit, mal etwas Neues zu probieren. Wir hatten es schon öfter gemacht, sind also schon einigermaßen in Punkto Fasten erfahren. Wir beschlossen, den von uns ohnehin nicht geliebten Karneval, nach dem traditionsgemäß die Fastenzeit beginnt, zu überspringen und schon am 18. Februar mit dem Fasten zu anzufangen. Ich bereitete mich die ganze Woche mental darauf vor. Denn selbst wenn man es schon mehrmals gemacht hat, kostet es immer wieder eine Überwindung. Es gab noch einmal all unsere Lieblingsgerichte und -weine. Und dann war es soweit.

Einen Tag zuvor wurde „entlastet“. Es gab Obst, Reis und/oder Gemüse und schon keinen Kaffee und keinen Alkohol mehr. Ich schummelte und genoss meine letzten Becher Kaffee mit Hingabe. Auf Kaffee zu verzichten fällt mir fast noch schwerer als auf Rotwein. 🙂 Zum Abendessen gab’s eine schlichte Gemüsesuppe mit Kartoffeln, Möhren und Sellerie, sehr sparsam gewürzt. Ich war an dem Abend beim Yoga gewesen und kam erst gegen zehn nach Hause. Erk hatte auf mich gewartet und so wurde uns der Abend nicht lang.

Am Freitagmorgen stand uns das Schlimmste der ganzen Fasterei bevor. Ein halber Liter Glaubersalzwasser. Das ist nötig, um den Darm möglichst rasch und vollständig zu entleeren. Damit man kein Hungergefühl bekommt. Das entsteht durch die Darmbewegungen. Er signalisiert: ich bin fertig mit dem, was du mir gegeben hast, mehr bitte! Der Darm  fällt beim Fasten in eine Art Dornröschenschlaf. Sehr praktisch. Ein Glaubersalzcocktail schmeckt gleichzeitig salzig und sehr bitter. Das ist so widerlich, dass man möglichst in einem Zug das ganze Glas leeren muss, sonst kann man sich kaum überwinden, es wieder anzusetzen. Ich schaffe das in der Regel nicht, zumal das Wasser meistens eiskalt ist. Ich hielt mir die Nase zu und schaffte immerhin Dreiviertel des Inhalts in einem Zug. Würgte, atmete und setzte erneut an. Geschafft! Es war dieses Mal nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte. Nun galt es zu warten. Bei Erk wirkt das Zeug erstaunlich rasch. Ich hingegen mit meinem hartgesottenen Verdauungstrakt muss ewig warten, bevor eine Wirkung einsetzt.

Nachdem wir das erledigt hatten, gingen wir eine ausgedehnte Runde spazieren. Frische Luft tut unglaublich gut. Wieder zu Hause gab’s ein Gläschen Saft und Tee und einen Mittagsschlaf. Auch der ist beim Fasten unverzichtbar. In der Mitte des Tages überfällt einen in der Regel eine derart bleischwere Müdigkeit, dass es einfach gut tut, ein bis zwei Stunden zu schlummern. Da wir den ganzen Tag lang getrödelt hatten, war es schon später Nachmittag. Es gab mehr Tee, Yoga und zum „Abendessen“ einen Becher heißen Tomatensaft. Schmeckt mit ein paar Kräutern und etwas Pfeffer richtig lecker. Da in den ersten drei Tagen der Energiepegel manchmal niedrig sein kann, hauten wir uns mit mehr Tee auf’s Sofa und sahen uns einen Film an. Das war der erste Tag. Die anderen beiden liefen mehr oder weniger ähnlich ab. Ich konnte mich morgens sogar zum Laufen aufraffen, fühlte dabei die Anstrengung aber deutlicher als sonst.

Warum man in den ersten drei Tagen das ein oder andere Tief zu überwinden hat? Es ist so, als legte man einen Schalter um. Von Außenversorgung nach Innenversorgung und das dauert eben. Irgendwann merkt der Körper: ups, es kommt nichts mehr, ich muss an meine Reserven gehen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Davon sind in unseren Breiten meist genügend vorhanden und auch schlanke Menschen können in der Regel problemlos eine Woche fasten. Mehr als zwei Kilogramm nimmt man dabei nicht ab und eins ist meist auch schnell wieder da.

Der Körper schaltet also um. Vorher, eben in den ersten drei Tagen, protestiert und mault er noch ein bisschen, könnte ja sein, dass er vielleicht doch noch etwas Nahrung bekommt. Dieses Tief äußert sich in Kopf- und/oder Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, leichtem Schwindel und Frieren. Der Nahrungsentzug ist jedoch nicht der einzige Auslöser. Plötzlich hat der Körper Zeit und Raum, Ballast und Schadstoffe abzubauen, wozu er normalerweise nicht kommt. Dieser Abbau sogenannter „Schlacken“ kann auch zu oben genannten Symptomen führen. Keine Panik also. Ein kurzer Gang an frischer Luft oder ein Mittagsschlaf können wahre Wunder bewirken!

Heute war bereits der vierte Fastentag. Inzwischen fühle ich mich gut, energiegeladen und gut gelaunt. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie autark mein Körper sein kann. Die meisten anderen Menschen, denen ich von meiner Erfahrung berichte, reagieren mit Ungläubigkeit. Ja, sie hätten schon davon gehört, dass man fasten könne. Aber sie äßen doch so gern und sei das nicht auch irgendwie ungesund und unnatürlich? Keinesfallls, entgegne ich dann. Wenn man krank ist, fastet man automatisch oder kennt ihr jemanden, der hohes Fieber hat und freiwillig ein Steak verdrückt? Ja, aber wir sind doch gesund. Äußerlich betrachtet schon. Es ist aber leider so, dass wir täglich eine Menge Zeugs zu uns nehmen, dass uns eher schadet als nützt. Im Alltagsstress nehmen wir meistens gar nicht wahr, was wir alles so in uns hineinfuttern und trinken. Eine Weile baut der Körper den Krempel tapfer ab, aber irgendwann schafft er es einfach nicht mehr. Dann wird eingelagert und lauter Alltagswehwehchen stellen sich ein.

So eine Fastenzeit ist im Prinzip wie die Rückkehr zur eigenen Quelle. Man richtet die Aufmerksamkeit nach innen und spürt, dass man von all den Genussmitteln nicht wirklich abhängig ist – ja, auch vom Kaffee nicht! 🙂 – und ganz leise fragt der Körper nach Tee und Säften, salziger Brühe und einem süßen Teelöffel Honig. Es tut so gut. Eine Art heitere Gelassenheit stellt sich ein und man hat plötzlich erstaunlich viel Zeit. Einkaufen, Kochen, Essen, Abwaschen und all das nehmen normalerweise einen großen Raum ein. Natürlich verlangsamt sich auch die Reaktionsfähigkeit ein wenig, aber das macht nichts. In der Ruhe liegt die Kraft und es ist sowieso viel produktiver, eine Sache zur Zeit zu machen und die dafür gründlich. An Multitasking glaube ich schon lange nicht mehr. Entschleunigung kann in unseren hektischen Zeiten nicht schaden. In diesem Sinne: einen schönen Abend noch!