Essen abstrakt

Abstrakt in dem Sinne, dass es hier nicht um die Erzeugung und Zubereitung von Nahrung geht, sondern um die Tätigkeit des Essens als solche. Darum kommen wir nicht herum, jedenfalls nicht auf Dauer. Jedes Lebewesen muss etwas zu sich nehmen, um weiterleben zu können. Eigentlich eine große Energieverschwendung. Der Regenwurm wird geboren, wächst heran und kriecht so durch den Rasen. Plötzlich landet eine Amsel neben ihm und zieht ihn genüsslich aus seinem Lebensraum. Ein Regenwurm weniger und eine relativ satte Amsel mehr. Für den Augenblick.

Bei uns ist das nicht anders. Und doch viel komplizierter. Es gab Zeiten, da war es so einfach. Männer jagen Mammut, erlegen es und schleppen Teile davon in ihre Höhle. Gruppe freut sich und verschlingt gemeinsam zuerst rohes, später auch gegrilltes Mammut gierig. Ergebnis: Mammut tot, Gruppe satt und lebendig. Irgendwann kamen wir auf die Idee, sesshaft zu werden und damit fing die ganze Chose an. Ackerbau, Viehzucht und immer aufwendigere Nahrungszubereitungsmethoden.

Es ging beim Essen nach und nach nicht mehr ausschließlich um die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse. Es gab plötzlich Mahlzeiten für spezielle Anlässe wie Weihnachten, Hochzeiten und Feiern aller Art. Ein besonderer Anlass verlangte nach einer außergewöhnlichen Speise und schon die Römer führten mit ihren opulenten Banketten die Nahrungsaufnahme als lebenserhaltende Maßnahme ad absurdum.

Im Zuge der Industrialisierung veränderte sich unsere Einstellung zur Nahrung noch einmal grundlegend. Plötzlich war es möglich, große Mengen billigst zu produzieren.  Nach einer zwischenzeitlichen Zeit der Nahrungsknappheit nach dem zweiten Weltkrieg lief die Sache mit dem Essen völlig aus dem Ruder. Auf der einen Seite wurde geschlemmt, was das Zeug hielt, Fleisch musste jeden Tag auf den Tisch, Fastfoodlokale schossen wie Pilze aus dem Boden und auf der anderen Seite fing das große Hungern an. Nein, nicht dort, wo es tatsächlich nichts zu essen gab. Hier bei uns. Das Bild der Idealfigur veränderte sich radikal.

Schlank zu sein um jeden Preis war das Motto der Stunde und ist es bis heute trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten geblieben. Man denke allein an die absurden Diäten: nur Ei, Trennkost, etc.  Hinzu kam der Jugendwahn. Schlank und jung, ein Leben lang. Warum auch immer das so unglaublich erstrebenswert scheint, wo doch der Körper so vergänglich ist. Essstörungen, Mangelernährung und Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen sind das Ergebnis der veränderten Einstellung und das in Ländern, die sowohl über Informationen die Ernährung betreffend als auch über alle Ressourcen verfügen. Ein Jammer.

Hinzu kommt, dass nicht mehr gemeinsam gegessen wird. Ein Käsebrötchen im Gehen auf dem Weg zur Arbeit, eine Portion Pommes in der Bahn – der Geruch erfreut alle Mitreisenden immer wieder auf’s Neue – oder eine Tafel Schokolade vor dem Fernseher. Dabei wird meist gar nicht mehr wahrgenommen, um was für eine Art Nahrung es sich handelt. Schnell muss es gehen, groß muss der Reiz sein, extrem süß, salzig oder fettig. In der Familie gibt es kaum noch gemeinsame Mahlzeiten, weil alle zu unterschiedlichen Zeiten kommen und gehen und hungrig sind. Kochen bedeutet meist Zeitverlust, da es mit Einkaufen, Zubereiten und Abwaschen verbunden ist. So die landläufige Meinung.

Ich mag nicht gern allein essen und freue mich jeden Tag riesig auf das gemeinsame Abendessen. Ich kaufe gern ein, ich koche und backe gern und noch viel lieber esse ich, was ich zubereitet habe, in netter Gesellschaft, versteht sich. Und zumeist weiß ich auch ungefähr, was drin ist, in meinem Essen. Das dauert wirklich nicht lange und mit etwas vorausschauender Planung und Kreativität lässt sich auch in zwanzig Minuten eine schmackhafte Mahlzeit auf den Tisch bringen. Dann gibt es eben eine Stunde weniger Fernsehen am Abend, darum ist es nicht besonders schade. Aber um ein verpasstes gemeinsames Essen umso mehr! Also, ab in die Küche, an die Töpfe! 😉

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s