Um Amrum herum – Inselpause

Von Zeit zu Zeit überkommt mich ein heftiger Widerwille gegen die Metropole, in der ich lebe. Zu viele Menschen, zu viele Autos, zu viel Hektik und ewig dieser Lärm. Am letzten Wochenende war es wieder so weit. Stadtfrust. Zum Glück hatte meine Schwester gerade ihre Magisterarbeit beendet, ein Kurztrip war geplant. Eigentlich wollten wir auf dem deutschen Jakobsweg von Hamburg nach Travemünde pilgern, aber die Temperaturen waren noch wenig verlockend und uns gelüstete mehr nach Meer.  Amrum, sie war noch nie dort gewesen. Das musste dringend geändert werden. Ein preisgünstiges Appartement fand sich zu dieser Jahreszeit spielend und die Lokführer streikten am letzten Samstag freundlicherweise gerade nicht.

Die Anreise ab Hamburg  zieht sich über gut sechs Stunden hin. Zunächst noch recht zügig mit der NOB (www.nord-ostsee-bahn.de) von Altona nach Niebüll. Während der Fahrt wird die Landschaft bereits immer platter und karger. In Niebüll steigt man um in die neg (www.neg-niebüll.de) nach Dagebüll. Ein winziger, recht klappriger Zug, der bis direkt an die Mole fährt.

Das kleine Tor zur Inselwelt

Von dort geht es nach kurzem Aufenthalt weiter mit der Fähre über Föhr und endlich kommt Wittdün in Sicht! Wir hatten Glück und fuhren mit der brandneuen Fähre, die nach demVorbild großer Kreuzfahrtschiffe zwei Panoramasitzbereiche hat. Nachdem die Hälfte der Passagiere in Wyk ausgestiegen waren, kamen wir sogar in den Genuss einer Liege direkt am Fenster. Gediegen.

Sie wünschen?

In Wittdün schien die Sonne durch einen milchigen Wolkenschleier. Wir machten uns auf zu unserem Zuhause für die nächsten vier Tage und sogen die köstliche Nordseeluft gierig ein. Kein Weg auf Amrum ist wirklich weit. Die Insel ist etwas zehn Kilometer lang und an der breitesten Stelle sind es 3 Kilometer von Küste zu Küste. Unsere Vermieterin erwartete uns bereits. Die Wohnung war großzügig geschnitten und recht komfortabel ausgestattet. Wir packten schnell unsere Siebensachen aus und dann: Auf zum Strand!

Und warum heißt der Kniepsand Kniepsand?

Die Antwort auf diese Frage haben wir bis heute nicht gefunden. „Kniepen“ ist Plattdeutsch für „kneifen“. Vielleicht kneift die Weite des Strandes oder der Sand das Auge des Betrachters. Falls jemand eine Erklärung hat, möge er sie mit mir teilen!

Wir hatten auf dem Weg noch einen kleinen Abstecher zum „Moin, moin“, einem kleinen Kiosk, bei dem man am Wochenende auch in der Nebensaison existenziell wichtige Dinge wie Bier, Tabak und Süßigkeiten bekommt, gemacht. (Edeka schließt in der Nebensaison Samstags bereits um 16h…).

Ein Blick zurück zur Orientierung

Am Kniepsand schockierte die Weite zunächst. Die Wasserkante war mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Immer geradeaus. Nach einer guten halben Stunde erreichten wir sie. Eine halbe Palette diente als Sitzbank und das Flens schmeckte vorzüglich. Ankommen, runterkommen und tief durchatmen.

... das obligatorische Selbstauslöserbild 😉

Zum Abendessen gab’s ein schlichtes Risotto und schlechte Nachrichten aus Japan. Erst ein starkes Erdbeben, dann ein Tsunami und nun auch noch der atomare GAU. Ich beobachtete fasziniert und leicht irritiert die Art der deutschen Berichterstattung. Die vorherrschende Frage zielte überraschender Weise nicht auf das Schicksal der Japaner ab, sondern lautete: „Und welche Auswirkungen wird die Explosion des Reaktors in Fukushima auf uns haben?“. Schon merkwürdig. Lange wunderten wir uns jedoch nicht mehr. Die Nordseeluft forderte ihren Tribut. Sie macht tatsächlich sehr müde und, wie wir später feststellen konnten, auch ewig hungrig. Am nächsten Morgen liefen wir eine Runde, frühstückten gemütlich und machten uns dann auf zu einem ausgedehnten Spaziergang.

Sind wir auf dem Mond?

Es war wider Erwarten trocken und gelegentlich blinzelte die Sonne durch die dichten Wolken. Wir entschieden uns für den Waldweg nach Norddorf. Dort gab es keinen Kaffee für uns. Also gingen wir an der Wattseite wieder zurück Richtung Nebel.

Auch hier: Weite

Ein ordentlicher Marsch. Abends waren wir zu faul zum Kochen und testeten die lokale Gastronomie. Das Restaurant „Heidekate“ liegt direkt gegenüber vom Leuchtturm und hat kein einziges vegetarisches Gericht auf seiner Karte. Schon erstaunlich bei so vielen Touristen. Mein Lammfilet war gut und Antjes Schafkäse in Knoblauch-Kräutersoße lecker, aber etwas schwer verdaulich. Zum Nachtisch gab es ein interessantes Telefongespräch der Kellnerin mit ihrem Vater. Sie hatte gerade ihre erste eigene Wohnung bezogen und die komplette Einrichtung bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus erstanden. Ah ja. Auf dem Weg nach Hause ließen wir den Tag Revue passieren und lachten noch einmal über Tante Gans.

Tante Gans nimmt ein Bad...

Tag zwei. Sauna und Massage (http://www.amrum.de/wohlfuehlen/amrumbadeland/angebote/) standen auf unserer Wunschliste ganz weit oben. Aber die Sauna hatte montags und dienstags geschlossen. Dumm gelaufen. Dann eben Massage. Und zuvor eine Radtour nach Norddorf mit anschließender Umrundung der Odde, einem Dünenzipfel, der ganz der Tier-und Pflanzenwelt gehört. Leider bekamen wir erst für den nächsten Tag einen Termin. Egal, wir sind flexibel!

Yeah, Massagetermin gebucht!

Die Räder waren ungefähr so spritzig, wie sie aussehen und nach dem Hinweg hatte der breite Sattel den Kampf mit Antjes Hintern gewonnen. Auf einem solchen Sattel kann man sich scheinbar erst ab siebzig wohlfühlen. 🙂 Wir parkten die Räder an der kleinen Schutzhütte und machten uns auf den Weg.

Auf zur Nordspitze

So menschenleer hatte ich diesen Weg noch nie erlebt. Der März ist eben der beste Reisemonat für Leute ohne schulpflichtige Kinder, die Ruhe und Entspannung suchen. Obwohl wir nur ein paar Grad über Null hatten, schlug Antje vor, barfuß durch den Sand zu stapfen.

Das hatte noch niemand getan...

Ich gab nach einer Viertelstunde auf, meine Füße waren einfach zu kalt, aber Antje umrundete die Odde tapfer und hatte zur Belohnung abends babyweiche Füße. An der Nordspitze machten wir eine kleine Pause und unterhielten uns kurz mit der einzigen Person, der wir begegneten. Sie hatte Vögel beobachtet, kam regelmäßig in der Nebensaison auf die Insel, um Ruhe zu tanken. Die Grau- und Ringelgänse seien gerade auf ihrem Weg gen Norden hier gelandet. Eine Robbe hätte sie dieses Mal leider nicht gesehen. Auch hier mussten wir natürlich das obligatorische Selbstauslöserbild machen.

Leicht durchgefroren, aber glücklich

Auf der Westseite blies der Wind kräftig. Nach einer guten Stunde langten wir wieder bei unseren Rädern an und nach einem kurzem Schläfchen, die Nordseeluft, ging es wieder zurück.

Die Besucher 🙂

Am Morgen unseres letzten Tages standen wir um sechs auf, um die Inselumrundung vor unserem Massagetermin um halb drei zu vollbringen. Damit wir uns das Verwöhnprogramm verdienten, sozusagen. Es war sonnig, eiskalt und der Wind blies kräftig aus Ost.

Es war genauso kalt, wie es aussieht!

Keine Menschenseele weit und breit. Nur wir, der Wind, der Sand und das Meer. Es dauerte allerdings eine Weile, bis wir es erreicht hatten. Ich liebe diese Landschaft. Das Ego und seine Problemchen schrumpfen in der Weite, bis sie so klein und nichtig wirken, wie sie tatsächlich sind. Das befreit! Und die Natur schafft überall ihre eigenen vergänglichen Kunstwerke.

Muscheln im Wind

Irgendwann kam das Norddorfer Querfeuer in Sicht. Nun mussten wir direkt gegen den Wind nach Osten.

Man darf sich getragen fühlen 🙂

Wir näherten uns einer Gruppe von Austernfischern und drehten ab gen Osten.

Nicht besonders scheu!

Es war inzwischen elf, deshalb kürzten wir die Umrundung ein wenig ab und gingen nicht über Norddorf, sondern direkt an der Wattseite zurück. Ein letzter Blick auf die Nordsee,

Ein Leuttürmchen...

und ab durch den breiten Dünengürtel.

Eine bizarre Landschaft

Am Watt empfing uns der eisige Ostwind. Hunger kam auf. Zum Glück hatte derTontaubenschießverein (sic!) einen Windschutz gebaut. Wir verzehrten unsere Käsekniften und machten uns schnell wieder auf den Weg, zu einer ausgedehnten Rast war es einfach zu kalt. Meine Laune verschlechterte sich ein wenig, als Antje verkündete, sie wolle auch die Südspitze noch umrunden. Ich maulte ein wenig vor mich hin, ließ mich aber nicht lumpen und war schließlich doch glücklich.

Das ist sogar noch ein Lächeln möglich 🙂

Nach gut fünf Stunden hatten wir – fast – die ganze Insel umrundet und uns die Massage verdient. Was soll ich sagen? Es war meine erste, ich habe keinen Vergleich, aber hinterher fühlte ich mich wundervoll entspannt und gelöst. Zum Abschied kochten wir uns Spaghetti und fielen früh ins Bett. Die Nordseeluft, was sonst?

Am nächsten Morgen putzten und packten wir geschwind und erwischten sogar noch die frühe Fähre. Es waren wunderschöne Tage gewesen! Und nun ging es erholt wieder Richtung Heimat.

Panoramaverzerrt 😉

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