Nullrunde

Im Winter schleicht sich gern der Schlendrian ein. Wäre der Schlendrian ein Tier, sähe er aus wie eine Mischung aus Bobtail und Warzenschwein. Es fällt euch schwer, euch dieses Vieh vorzustellen? Es ist zwar hässlich und stinkt, aber es hat auch einen gemütlichen Zug um den Mund und sein Grinsen ist unwiderstehlich. Seine Stimme klingt samtig und suggestiv. Es flüstert dir beispielsweise gern abends ins Ohr: „Och, das Essen schmeckt so lecker, lass uns doch noch etwas mehr davon genießen.“ Und eigentlich bist du schon pappsatt. Aber weil’s so gut schmeckt… Und es überredet dich zu noch einem Glas Rotwein, noch einem Whiskey, noch einem Stück Schokolade… und ehe du dich’s versiehst, spannt die ehemals so bequeme Jeans an Bund und Oberschenkeln. Wie konnte das bloß passieren? Du bist doch regelmäßig laufen gegangen und überhaupt! Gemein, denkst du und der Schlendrian grinst zufrieden.

Natürlich gibt es keinen Schlendrian. Das ist nur der Teil von uns, der gern alle Fünfe gerade sein lässt. Der uns müßig sein lässt, was gelegentlich auch  gut ist, sonst kämen wir in unserem Hamsterrad nie zur Ruhe. Nach so einem langen, kalten und grauen Winter jedoch war es an der Zeit, mal etwas Neues zu probieren. Wir hatten es schon öfter gemacht, sind also schon einigermaßen in Punkto Fasten erfahren. Wir beschlossen, den von uns ohnehin nicht geliebten Karneval, nach dem traditionsgemäß die Fastenzeit beginnt, zu überspringen und schon am 18. Februar mit dem Fasten zu anzufangen. Ich bereitete mich die ganze Woche mental darauf vor. Denn selbst wenn man es schon mehrmals gemacht hat, kostet es immer wieder eine Überwindung. Es gab noch einmal all unsere Lieblingsgerichte und -weine. Und dann war es soweit.

Einen Tag zuvor wurde „entlastet“. Es gab Obst, Reis und/oder Gemüse und schon keinen Kaffee und keinen Alkohol mehr. Ich schummelte und genoss meine letzten Becher Kaffee mit Hingabe. Auf Kaffee zu verzichten fällt mir fast noch schwerer als auf Rotwein. 🙂 Zum Abendessen gab’s eine schlichte Gemüsesuppe mit Kartoffeln, Möhren und Sellerie, sehr sparsam gewürzt. Ich war an dem Abend beim Yoga gewesen und kam erst gegen zehn nach Hause. Erk hatte auf mich gewartet und so wurde uns der Abend nicht lang.

Am Freitagmorgen stand uns das Schlimmste der ganzen Fasterei bevor. Ein halber Liter Glaubersalzwasser. Das ist nötig, um den Darm möglichst rasch und vollständig zu entleeren. Damit man kein Hungergefühl bekommt. Das entsteht durch die Darmbewegungen. Er signalisiert: ich bin fertig mit dem, was du mir gegeben hast, mehr bitte! Der Darm  fällt beim Fasten in eine Art Dornröschenschlaf. Sehr praktisch. Ein Glaubersalzcocktail schmeckt gleichzeitig salzig und sehr bitter. Das ist so widerlich, dass man möglichst in einem Zug das ganze Glas leeren muss, sonst kann man sich kaum überwinden, es wieder anzusetzen. Ich schaffe das in der Regel nicht, zumal das Wasser meistens eiskalt ist. Ich hielt mir die Nase zu und schaffte immerhin Dreiviertel des Inhalts in einem Zug. Würgte, atmete und setzte erneut an. Geschafft! Es war dieses Mal nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte. Nun galt es zu warten. Bei Erk wirkt das Zeug erstaunlich rasch. Ich hingegen mit meinem hartgesottenen Verdauungstrakt muss ewig warten, bevor eine Wirkung einsetzt.

Nachdem wir das erledigt hatten, gingen wir eine ausgedehnte Runde spazieren. Frische Luft tut unglaublich gut. Wieder zu Hause gab’s ein Gläschen Saft und Tee und einen Mittagsschlaf. Auch der ist beim Fasten unverzichtbar. In der Mitte des Tages überfällt einen in der Regel eine derart bleischwere Müdigkeit, dass es einfach gut tut, ein bis zwei Stunden zu schlummern. Da wir den ganzen Tag lang getrödelt hatten, war es schon später Nachmittag. Es gab mehr Tee, Yoga und zum „Abendessen“ einen Becher heißen Tomatensaft. Schmeckt mit ein paar Kräutern und etwas Pfeffer richtig lecker. Da in den ersten drei Tagen der Energiepegel manchmal niedrig sein kann, hauten wir uns mit mehr Tee auf’s Sofa und sahen uns einen Film an. Das war der erste Tag. Die anderen beiden liefen mehr oder weniger ähnlich ab. Ich konnte mich morgens sogar zum Laufen aufraffen, fühlte dabei die Anstrengung aber deutlicher als sonst.

Warum man in den ersten drei Tagen das ein oder andere Tief zu überwinden hat? Es ist so, als legte man einen Schalter um. Von Außenversorgung nach Innenversorgung und das dauert eben. Irgendwann merkt der Körper: ups, es kommt nichts mehr, ich muss an meine Reserven gehen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Davon sind in unseren Breiten meist genügend vorhanden und auch schlanke Menschen können in der Regel problemlos eine Woche fasten. Mehr als zwei Kilogramm nimmt man dabei nicht ab und eins ist meist auch schnell wieder da.

Der Körper schaltet also um. Vorher, eben in den ersten drei Tagen, protestiert und mault er noch ein bisschen, könnte ja sein, dass er vielleicht doch noch etwas Nahrung bekommt. Dieses Tief äußert sich in Kopf- und/oder Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, leichtem Schwindel und Frieren. Der Nahrungsentzug ist jedoch nicht der einzige Auslöser. Plötzlich hat der Körper Zeit und Raum, Ballast und Schadstoffe abzubauen, wozu er normalerweise nicht kommt. Dieser Abbau sogenannter „Schlacken“ kann auch zu oben genannten Symptomen führen. Keine Panik also. Ein kurzer Gang an frischer Luft oder ein Mittagsschlaf können wahre Wunder bewirken!

Heute war bereits der vierte Fastentag. Inzwischen fühle ich mich gut, energiegeladen und gut gelaunt. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie autark mein Körper sein kann. Die meisten anderen Menschen, denen ich von meiner Erfahrung berichte, reagieren mit Ungläubigkeit. Ja, sie hätten schon davon gehört, dass man fasten könne. Aber sie äßen doch so gern und sei das nicht auch irgendwie ungesund und unnatürlich? Keinesfallls, entgegne ich dann. Wenn man krank ist, fastet man automatisch oder kennt ihr jemanden, der hohes Fieber hat und freiwillig ein Steak verdrückt? Ja, aber wir sind doch gesund. Äußerlich betrachtet schon. Es ist aber leider so, dass wir täglich eine Menge Zeugs zu uns nehmen, dass uns eher schadet als nützt. Im Alltagsstress nehmen wir meistens gar nicht wahr, was wir alles so in uns hineinfuttern und trinken. Eine Weile baut der Körper den Krempel tapfer ab, aber irgendwann schafft er es einfach nicht mehr. Dann wird eingelagert und lauter Alltagswehwehchen stellen sich ein.

So eine Fastenzeit ist im Prinzip wie die Rückkehr zur eigenen Quelle. Man richtet die Aufmerksamkeit nach innen und spürt, dass man von all den Genussmitteln nicht wirklich abhängig ist – ja, auch vom Kaffee nicht! 🙂 – und ganz leise fragt der Körper nach Tee und Säften, salziger Brühe und einem süßen Teelöffel Honig. Es tut so gut. Eine Art heitere Gelassenheit stellt sich ein und man hat plötzlich erstaunlich viel Zeit. Einkaufen, Kochen, Essen, Abwaschen und all das nehmen normalerweise einen großen Raum ein. Natürlich verlangsamt sich auch die Reaktionsfähigkeit ein wenig, aber das macht nichts. In der Ruhe liegt die Kraft und es ist sowieso viel produktiver, eine Sache zur Zeit zu machen und die dafür gründlich. An Multitasking glaube ich schon lange nicht mehr. Entschleunigung kann in unseren hektischen Zeiten nicht schaden. In diesem Sinne: einen schönen Abend noch!

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