23. Große Erwartungen

Einmal werden wir noch wach… Morgen ist es dann endlich soweit. Heilig Abend. Ich hoffe, dass alle Reisenden trotz der widrigen Wetterverhältnisse den Schoß der Familie wohlbehalten erreichen werden. Mir steht zum Glück keine große Reise bevor. Und hier in Hamburg sind die angekündigten 30 cm Neuschnee auch noch nicht gefallen. Abwarten. Der Abend ist noch jung. Der Pizzateig geht so vor sich hin und beim Kneten kamen mir die Erwartungen in den Sinn.

Heute Mittag in der Stadt hatte ich das Gefühl, sie förmlich aus der Luft greifen zu können, so verdichtet schwebten sie über meinem Kopf. Nein, nicht meine eigenen, ich habe mich weitgehend von ihnen verabschiedet. Die der anderen Menschen. „Ob ich wohl wirklich das neue iPad bekomme?“, „Wird es dieses Jahr endlich die Perlenkette sein?“, „Ob mir wohl dieses Jahr endlich der Gänsebraten gut gelingt?“, „Werden wir die Tage ohne Streit überstehen?“, „Wird mein Vater das Weihnachtsfest überleben?“, „Werden meine Eltern endlich Frieden schließen?“. All diese Gedanken.

Und natürlich die armen, unterdrückten Gefühle, genannt Emotionen. Sie lauern auf den kleinsten Anlass, um endlich ausbrechen zu dürfen. Weihnachten bietet ihnen den perfekten Tummelplatz. Erwartungen werden nicht erfüllt, Enttäuschung macht sich breit, herrlich und jetzt endlich raus mit dem ganzen angestauten Kram. Ein Lachflash in der Kirche, Tränen unterm Weihnachtsbaum, egal, das wirkt herrlich befreiend und irritiert die anderen natürlich gewaltig, weil sie sich nicht erklären können, wie es zu einer solch heftigen Reaktion kommen konnte. Dann kommen die Vorwürfe, der Streit und hoffentlich die Versöhnung.

Die Unterscheidung von Gefühl und Emotion beruht auf der Definition, dass Gefühle spontan in einer Situation auftreten und angenommen werden (ich höre einen Witz und lache. Meine Großmutter stirbt, ich schluchze und trauere usw.). Emotionen hingegen sind all die Gefühle, die im Moment ihres Auftretens nicht zur Kenntnis genommen werden konnten oder durften („Reiß dich zusammen, Indianer kennen keinen Schmerz!“, „Männer heulen nicht, das tun nur Memmen!“ usw.).

Ist man sich dieses Unterschieds bewusst, muss es nicht zum Krieg unter dem Baum kommen. Man kann eine sich selbst beobachtende Position einnehmen: „Ah, interessant, ich bin unendlich traurig. Aber das kann doch wohl nicht daran liegen, dass ich die erwünschte Perlenkette nicht bekommen habe?“ Nein, natürlich nicht. Das ist ein alter Schmerz, den ich zur Zeit seiner Entstehung nicht fühlen konnte oder durfte. So fühlt er sich also an. Nach einer Weile vergeht er wieder und schwups habe ich wieder einen Teil Ballast abgeworfen, ohne andere mit in den Strudel zu ziehen. Das geht also auch.

(Ich hoffe, dass mir meine hehren Erkenntnisse im Eifer des Gefechts nicht abhanden kommen. 🙂 )

Erwartungen sind übrigens auch eine Art der Forderung. „Ich erwarte, dass du pünktlich kommst“. Ein „sonst“ schwingt mit und übt Druck aus. Vielleicht wären wir gern freiwillig pünktlich gekommen, hätten den Müll heraus getragen oder mit dem Partner geredet. Fühlen wir uns gezwungen, unter Druck gesetzt, dann schwindet die freiwillige Bereitschaft im Nu. Fühlen wir uns zu etwas gezwungen, dann reagieren wir mit Unlust. Das ist vollkommen normal. Wir könnten also viel mehr bekommen, wenn wir uns von unseren Erwartungen lösen und stattdessen anderen geben, was wir selbst zu brauchen glauben (ohne insgeheim auf eine Gegengabe zu hoffen, selbstverständlich…). Das ist schwere Kost, ich weiß. Das Thema beschäftigte mich schon seit einer Weile und ich wollte es gern teilen. Die besten Dinge im Leben geschehen, wenn man nicht mit ihnen rechnet!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s