15. Die Familie

Luther ist schuld. Er propagierte vor knapp fünfhundert Jahren, dass man zum Geburtstag Jesus (und das Datum ist keinesfalls eindeutig belegbar), das Familienfest mit gegenseitigem Beschenken feiern solle und nicht wie zuvor am 6. Dezember, dem Nikolaustag. Nikolaus war ein Bischof, der tatsächlich in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts in Myra (in der heutigen Türkei) lebte und wirkte. Er verschenkte sein Erbe großzügig an alle Bedürftigen. Deshalb wurde er schon während seines Lebens zur Legende. Am Tag seiner Verehrung wurden Geschenke vor allem an Kinder gegeben. Luther schien das zu missfallen. Also gab es von nun an die Geschenke erst am 24. bzw. 25. Dezember.

Und zu diesem Anlass kommt die ganze Familie zusammen. Es gibt wohl weltweit keine Familie, in der nicht Spannungen irgendeiner Art herrschen. Gepaart mit einer starken in der Luft liegenden Emotionalität eine hochbrisante Mischung. Man trifft sich, es wird gegessen, die Kerzen des Weihnachtsbaums werden angezündet. Vielleicht läuft eine Aufnahme mit Weihnachtsliedern im Hintergrund. Möglicherweise wird sogar noch gesungen oder aber der Fernseher läuft. Das ist ganz unterschiedlich.

Nun soll Bescherung sein. Unter den meisten Weihnachtsbäumen türmen sich wahre Berge von Päckchen. Besonders kleinere Kinder sind nach dem Auspacken des dritten Päckchens völlig überfordert. Zu viel. Die Aufmerksamkeit verweilt nicht lange bei einem Ding. Aber auch die älteren seufzen und stöhnen innerlich. Noch ein Geschenk. Ist es wohl genauso gut und wertvoll wie meins? Oje, ein Geschenk von Onkel Dieter, das kann ja nur in die Hose gehen. Und tatsächlich, eine Salzkristalllampe, deren Zeit längst vorbei ist. Da helfen nur regelmäßige Griffe in den bunten Teller. Der Magen protestiert. Irgendwann gibt es riesige Haufen Abfall und kleinere Haufen ausgepackter Geschenke. Man sitzt ratlos und vollkommen erschöpft herum. Bestenfalls geht’s nun noch zum Mitternachtsgottesdienst in die Kirche, schlimmstenfalls versammelt man sich vor dem Fernseher.

Das war der heilige Abend.

Worum ging es nochmal? Freude über Erlösung. Stimmt, da war doch was. Gott hatte seinen Sohn auf die Erde gesandt, um uns von unseren Sünden zu erlösen. Erneuerung, Dankbarkeit und das Teilen der Freude darüber mit den Nächsten. Daran kann man glauben oder auch nicht, die freudige Erwartung liegt einfach in der Luft. Keiner kann sich ihr entziehen. Warum fällt es den meisten so schwer, sich darauf einzulassen? Weil wir uns dann nicht mehr allmächtig fühlen können? Weil wir etwas annehmen müssten, dessen Preis wir nicht kennen? Oder weil Religiosität einfach nicht in die moderne Welt passt? Ich weiß auch keine Antworten. Aber es beunruhigt mich. Ich bin gespannt, wie es dieses Jahr wird.

Es wird auf jeden Fall keine Geschenkeberge geben. Und Luther ist natürlich auch nicht an unseren komischen Emotionen schuld. Die haben wir uns selbst gemacht und ebenso können wir sie auch selbst verändern.

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