14. Stille – Ein Plädoyer

Es gibt heutzutage tatsächlich Wochenendseminare, auf denen geschwiegen wird. Menschen bezahlen viel Geld dafür, einmal in ihrem Leben Stille zu erleben. Und wenn sie sie erleben, empfinden sie die Stille bereits nach kurzer Zeit als unerträglich und quälend. Die Gedanken rasen weiterhin durch ihre Köpfe. Sie können nicht heraus, es gibt keine Ablenkung. Nur die Stille. Die Menschen bekommen Schweißausbrüche, Angst, Schmerz und schließlich Tränen. Hinterher wird natürlich über die Erfahrungen während der Stille geredet.

Ein ganz normaler Tag beginnt mit dem Einschalten des Radios und endet mit dem Ausschalten des Fernsehers, bestenfalls. Dazwischen gibt es unendlich viele Gespräche, mehr Radio, Verkehrslärm, Gespräche anderer Leute, Musik und Beschallung an fast allen öffentlichen Orten. Gehe ich durch Hamburgs Straßen, haben fast alle Menschen, denen ich begegne, Stöpsel im Ohr. Ja, natürlich höre ich auch gern Musik. Ich besitze auch einen iPod, ein Radio, einen Fernseher und ein Telefon. Aber ich benutze sie gezielt. Und oft bevorzuge ich die Stille. Anfangs ratterten dann auch die Gedanken durch meinen Kopf. Je nachdem, was gerade anstand.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich meinen Gedanken durchaus nicht ausgeliefert bin. Ich kann sie steuern oder auch einfach vorbeiziehen lassen wie dicke, flauschige Sommerwolken. Seitdem stört mich auch der Verkehrslärm nicht mehr sonderlich. Nur manchmal, wenn der Wind auf Nordwest gedreht hat, die Flugzeuge beim Landeanflug direkt über unser Haus fliegen und der Nachbar von oben zur gleichen Zeit auf die Idee kommt, die Wände zu durchlöchern wie Schweizer Käse, dann könnte ich schreien: Ruhe, verdammt nochmal. Ich ertrage diesem Lärm nicht mehr. Zum Glück kommt beides selten vor.

Die Stille ist eng verwandt mit der Muße. Nichtstun. Einfach da sein. Auch das kennt kaum noch jemand. Diese herrlichen Sommernachmittage im Park. Das Buch ist ausgelesen, die Vögel zwitschern. Ich liege auf meiner Decke im Park, schaue den Wolken zu und – denke nichts. Wirklich. Das habe ich auch schon als Kind geliebt. Nach einer Weile lösen sich Gestalten aus den Wolken. Sie verändern sich ständig, ziehen vorbei, lösen sich auf. Andere folgen. Irgendwann verspüre ich dann meist den Impuls, so, jetzt ist es gut, jetzt möchte ich etwas tun, mich bewegen, was auch immer. Aber Muße muss sein. Im Winter natürlich nicht im Park, sondern im Bett. Herrlich!

Natürlich bin ich nicht immer so entspannt, dann rattern lauter „ich müsste-, ich sollte-Züge“ durch meinen Kopf. Dann denke ich im Kreis, lenke mich abends mit einem Film ab und telefoniere stundenlang mit meinen Freundinnen. Meist entsteht daraus der dringende Wunsch nach Stille. Rückzug. Das neue, was ich „könnte, müsste, sollte“, entsteht nicht draußen im Gewimmel. Das kommt in der Muße, manchmal auch beim Mahjonggspiel. 🙂 Und nur dann ist es gut. Stille Nacht, heilige Nacht ist nicht umsonst das beliebteste Weihnachtslied weltweit. Alle wünschen sich die Stille insgeheim. Nur Mut. Dazu braucht es kein Wochenendseminar. Das kann jeder und es ist nicht schwer. Einfach alles ausstöpseln. Nein, man verpasst wirklich nichts. Man kann sich auf den eigenen Atem konzentrieren und versuchen, die Gedanken ziehen zu lassen. Das erfordert zwar einige Übung, aber lernen kann es jeder und die Belohnung ist Entspannung pur!

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