8. Glühwein und Gesang

Vor einigen Wochen überfiel mich plötzlich der dringende Wunsch zu singen. Ich recherchierte im Internet. Ja, es gab tatsächlich mehrere Möglichkeiten in meiner Umgebung, Gesangsunterricht zu nehmen. Und um meinem Wunsch Folge zu leisten, musste ich welchen nehmen.

Ich habe schon immer gern gesungen. Als Kind im Kinderkirchenchor. Es war herrlich. Ich liebte die feierlichen Lieder und das Gefühl, mit meiner Stimme ein Teil des Klangs zu sein. Irgendwann hatten wir eine Aufführung in der Kirche. Mit stolzgeschwellter Brust schmetterte ich die Lieder. Nach dem Konzert kam meine Mutter auf mich zu. Ich strahlte sie an. Sie sagte, oh, Eva, sag mal, hat deine Chorleiterin dir noch nie gesagt, dass du total falsch singst? Du kannst die Töne nicht halten. Ich habe dich unter allen Kindern herausgehört. Ich schrumpfte. Ich sang falsch, wie peinlich. Kurze Zeit später verließ ich den Chor.

Anfangs sang ich trotzdem weiter. Wenn ich allein war und niemand mich hören konnte. Der Walkman wurde erfunden und ich liebte es, beim Radfahren Musik zu hören und lauthals mitzusingen. Ja, ich hörte mich genauso cool an wie Janis Joplin. Später kamen die mp3-Player. Auch beim Tanzen in der Disco ließ es sich vortrefflich mitsingen. Hatte jemand Zweifel daran, dass ich die Schwester von Melissa Etheridge war?

Erk äußerte sich nach kurzer Zeit, dass ich fürchterlich falsch singen würde und nicht einmal textsicher sei. Ein Singverbot quasi.

Weihnachten vor ein paar Jahren gingen wir mit der ganzen Familie an Heilig Abend in die Kirche. Ich stand zwischen meinem „kleinen“ Bruder und meiner Mutter. „Stille Nacht“ stand auf dem Liederzettel. Die Orgel setzte ein. Ich liebe dieses Lied und gab, ermuntert vom Wein zum Abendessen, alles. Als wir bei der zweiten Strophe, zweite Zeile angekommen waren („Gottes Sohn, o wie lacht“), rutschte mir tatsächlich ein nicht ganz astreiner Ton raus. Wir drei sahen uns an und platzten fast vor Lachen…

Dabei ist durchaus Musikalität in mir. Nach einem sommerlichen Grillen schlugen meine Geschwister vor, Karaoke zu singen. Es gibt ein Programm, das einem die Musik vorspielt und den Text einblendet. Man singt ins Mikrofon und bei jedem getroffenen Ton färbt sich die Note grün. Ok, der Wein war auch an diesem Abend reichlich geflossen. Aber ich erreichte bei einem Robbie Williams Song 86 Punkte (von 100). Geht doch.

Danach verschwand die Musik aus meinem Leben. Bis eben zu jenem Tag, an dem ich auf einem winterlichen Spaziergang an der Musikschule vorbeikam und dachte, warum gehe ich nicht einfach hinein und erkundige mich nach Gesangsunterricht? Gedacht, getan. Der Lehrer war mir sympathisch und wir vereinbarten eine Probestunde. Ich war aufgeregt und hatte natürlich riesige Angst mich zu blamieren. Josef schaffte es, mir diese Angst zu nehmen und inzwischen gehe ich sehr gern zum Unterricht. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich wohltönend singen kann (und es ist natürlich auch recht teuer), aber ich bin froh, mich überwunden zu haben! Singen befreit.

„Dona nobis pacem“. Daran probiere ich mich seit einer Weile, passend zur Adventszeit und inzwischen kann ich schon die ersten drei „Strophen“ ganz gut. Und mit einem Becher Glühwein (Bioqualität, versteht sich), lösen sich die richtigen Töne ganz automatisch aus meiner Kehle. 🙂 Skål!

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