4. Weihnachten woanders

Wem ist der Gedanke noch nie gekommen? Einfach mal raus, keine Familie und Weihnachten entspannt an einem warmen Ort verbringen. Ich habe das einmal, eher unfreiwillig, erlebt. Wir waren ein Jahr mit dem Rad unterwegs und da wir Anfang August gestartet waren, beinhaltete die Reise ein Weihnachtsfest fernab der Heimat. Kein Problem, dachte ich. Ich bin nicht sentimental und mit Familie habe ich es auch nicht so.

Wir fuhren auf der Carretera Austral Richtung Chaiten. Schotterpiste der schlimmsten Art und kräftige Steigungen. Teilweise schoben wir die schwer bepackten Räder stundenlang bergauf.

Nicht umsonst trägt dieser Teil Chiles den Namen "The Wet Zone"

Am 21. Dezember erreichten wir den Küstenort Chaiten. Von dort wollten wir die Fähre nach Quéllon, Chiloé, nehmen. Leider war sie gerade abgefahren. Die nächste Fähre fuhr erst am 23. Dezember. Wir mieteten uns eine cabaña und erkundeten am nächsten Tag die Umgebung. Es gab Delphine. Sie spielten direkt am Strand. Das war aber auch der einzige Höhepunkt des Tages.

Schon beeindruckend, sie live zu erleben!

Je näher wir dem 24. Dezember kamen, desto mehr verschlechterte sich meine Stimmung. Wir konnten unseren Familien zwar Mails schicken, aber das war’s auch schon. Am 23. bekamen wir Nachricht von meiner Familie. Wir würden ihnen fehlen, sie hielten einen Platz auf dem traditionellen Selbstauslöserfoto für uns frei und so weiter. Ich spürte Tränen aufsteigen. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass es mir so viel ausmachen würde, Weihnachten nicht zu Hause mit meiner Familie zu verbringen. Auch der Ausblick auf’s Meer konnte mich nicht trösten.

Bedröppelt

Wir kochten uns in der cabaña bereits am 23. ein feudales Weihnachtsmenue und öffneten unser einziges Geschenk. Ein Miniaturweihnachtsbaum von Andrea, einer Schweizerin, mit der wir ein ganze Weile zusammen gefahren waren. Meine Tränen flossen ohne Unterlass. Am nächsten Morgen ging es endlich mit der Fähre nach Quéllon. Die Überfahrt war vergnüglich. In Quéllon suchten wir ewig nach einer Unterkunft, aber alles schien bereits ausgebucht zu sein. Schließlich fanden wir ein ziemlich schäbige Pension. Besser als nichts. Unterwegs hatte uns eine junge Chilenin gefragt, was wir am Abend vorhätten. Wir könnten sie gern besuchen. Zuerst waren wir ein wenig irritiert, aber dann nahmen wir ihr Angebot an. Wie mag es wohl an Heilig Abend bei einer chilenischen Familie zugehen? Wir bekamen leckeres gebackenes Huhn, unterhielten uns angeregt mit unseren Gastgebern und ihrem dreijährigen Sohn. Er besaß bereits unglaublich viel Spielzeug und bekam eine weitere Wagenladung. Völlig überdreht brachte ihn der Vater schließlich zu Bett. Es war ein merkwürdiger Abend. Chile ist ein merkwürdiges Land. In Argentinien waren die Leute genauso gebeutelt wie in Chile, aber sie steckten Liebe in alle Details. Chile wirkte unfertig. In den Gärten türmte sich der Müll. Straßen endeten plötzlich im Nichts. Wie kann ein landschaftlich so schönes Land so hässlich sein?

Weihnachtsdeko in Puerto Montt

Erk schlug vor einigen Wochen vor, über Weihnachten zu verreisen, weil er über die Tage „Zwangsurlaub“ nehmen muss. Generell keine schlechte Idee, aber ohne mich. Auch wenn ich schon soo alt bin, verbringe ich Weihnachten weiterhin am liebsten mit meiner Familie!

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