Nordsucht – letzter Teil

Am nächsten Morgen hingen die Wolken fast bis auf die Erde. Wir überlegten kurz, ob wir unser Vorhaben aufgeben sollten, entschieden uns jedoch, loszugehen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Zunächst folgten wir dem Paddustrail. Der Paddus ist ein Hügel, auf dem die Samen schon seit langer Zeit ihren Göttern opfern. Als wir ihn nach gut anderthalb Stunden erreicht hatten, opferte ich einen Riegel Schokolade und bat um gutes Wetter. Wir stiegen weiter sanft bergan auf die Lappenpforte zu. Sie wird so genannt, weil zwischen den beiden Gipfeln hindurch eine Art Hochplateaupfad ins Gebirge führt. Der Pfad war durch zahlreiche Steinmännchen markiert, Orientierung kein Problem. Leider nahm der Regen stetig zu. Deshalb gibt es auch keine Fotos. Wir erreichten den Eingang gegen Mittag. Hier oben war der Regen in Schnee übergegangen, der uns waagerecht von vorn ins Gesicht peitschte. Wir kauerten uns hinter einen Felsen, aßen schnell etwas und dann überredete ich Erk, wieder zurück nach Abisko zu gehen. Das Hochplateau ist nämlich gut sechs Kilometer lang und es sah nicht danach aus, das sich das Wetter in näherer Zukunft ändern würde. Das war mir einfach zu riskant, zumal die Orientierung im Schnee bei geringer Sichtweite recht schwierig werden kann. Mein Opfer hatten die Götter also nicht angenommen. Wir stiegen wieder ab und erreichten Abisko am frühen Abend. Wir bekamen unser altes Zimmer wieder und einigten uns darauf, am nächsten Tag nach Kårsavagge zu wandern. Vielleicht konnten wir von dort aus über die Berge nach Abiskojaure.

Der Himmel war blau und keine einzige Wolke in Sicht. Da macht das Wandern natürlich richtig Spaß. Wir folgten einem Fluss immer weiter ins Tal hinein. Das Gehen war angenehm und nach einigen Stunden machten wir Mittagsrast in der Sonne.

Danach zog es sich ein wenig. Die Anstrengung der letzten zehn Tage steckten uns in den Knochen und wir warteten darauf, dass die Hütten endlich in Sicht kamen. Gegen drei Uhr nachmittags war es soweit!

Und wir waren allein. Herrlich. Wir tranken einen Kaffee und dann machte ich mich ans Holz.

Ich hackte viel mehr, als nötig, einfach weil es so viel Spaß machte. Erk holte derweil Wasser am See und entdeckte einen kleinen Lemming. Er setzte sich und beobachtete ihn eine Weile. Der Lemming wurde mit der Zeit richtig zutraulich und Erk kam endlich in den Genuss, viele Fotos dieses entzückenden Tierchens zu schießen.

Als wir beide erschöpft und glücklich zur Hütte zurück gingen, kamen zwei Wanderer auf uns zu. Mist, jetzt würden wir den Raum teilen müssen. Unsere Laune sank. Die beiden stellten sich kurz vor und gingen dann nach draußen. Wir erwogen, das Zelt aufzubauen. Schließlich fasste ich mir ein Herz und ging zu den beiden. Wir unterhielten uns eine Weile. Sie waren beide Schweden. Lars lebt in Kiruna und sein Kumpel Patrick in Stockholm. Die beiden wollten für ein langes Wochenende ins Fjäll.

Wobei es auch für sie nicht so ganz glatt gegangen war. Lars hatte arge Probleme mit dem Knie. Irgendetwas ist halt immer.

Wir hatten noch einen richtig schönen Abend mit den beiden. Sie boten uns ein Glas des mitgeschleppten Roten an, sehr nobel, und wir diskutierten kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Lars empfahl uns, nächstes Jahr im April eine Skitour hier zu machen. Mal sehen, vielleicht machen wir das sogar. Gegen zehn, für unsere Verhältnisse schon unendlich spät, fielen wir in die Kojen. An Schlaf war leider nicht zu denken. Patrik veranstaltete ein regelrechtes Schnarchkonzert. Am nächsten Morgen brachen wir sehr früh auf, um den zwölf Uhr Zug nach Kiruna zu erwischen. Dann mussten wir zwar noch einen Tag in Kiruna verbringen, aber Abisko kannten wir bereits gut genug. Den Plan, über die Berge nach Abiskojaure zu gehen, hatten wir wegen des über Nacht gefallenen Schnees aufgegeben.

Morgenstund...

Wir schafften den Rückweg in Rekordzeit, froren uns beim Versuch zu trampen den A… ab und saßen endlich in Zug nach Kiruna. Noch nirgendwo auf der Welt habe ich eine so saubere und wohlriechende Toilette gesehen wie in diesem Zug. Nach nur einer Stunde kamen wir dort an und sprinteten schnell zum Systembolaget, das um 14h schließen würde. Der Wein lockte. Danach holten wir unsere Flugtaschen vom Yellowhouse. Wir hätten auch gern dort übernachtet, aber der Besitzer tauchte nicht auf. Nach einer guten halben Stunde gingen wir ins Zentrum und landeten schließlich im City Hotel (dem ehemaligen stf wandrehjemmet). Wir bekamen ein Zimmer mit eigener Küche und gingen erstmal einkaufen. Auf dem Rückweg trafen wir zum letzten Mal das Pärchen, das wir ganz zu Anfang am Bahnhof von Kiruna getroffen hatten. Wir plauderten eine Weile und tauschten Erfahrungen aus. Sie gaben uns den Tipp, am nächsten Tag auf Kirunas Hausberg zu steigen. Von dort hätte man einen fantastischen Blick auf die Erzmine.

Der letzte Tag in Lappland zeigte sich von seiner sonnigen Seite. Es war allerdings schon recht kalt. Wir erledigten Hamstereinkäufe. Karamellkäse, Tunnbrod und derlei und machten uns nachmittags auf zum Hausberg. Die beiden hatten recht gehabt. Der Blick war herrlich. Wir genossen ihn eine Weile und zogen Resümee. Ja, das Nordvirus hatte uns voll im Griff. Wir würden unbedingt wiederkommen müssen, keine Chance.

Zum Abendbrot gab es lecker Pizza, nur der Boden war gekauft, alles andere hätte keinen Sinn gemacht. Dann war auch schon der Abreisetag da. Ein wenig wehmütig verpackten wir unsere Rucksäcke. Der Bus zum Flughafen fuhr seit einem Tag nicht mehr. Zum Glück gab es für den doppelten Preis ein Taxi. Und Rentierfleisch hatten wir auch noch ergattert. Lars hatte uns das Geschäft empfohlen. Tja, und schneller als erwartet landeten wir im trüben Hamburg. So ist das nun einmal. Aber der nächste Urlaub kommt bestimmt und überhaupt:

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