Nordsucht 5

Der Morgen begann mit einer schwierigen Entscheidung. Sollten wir über die Grenze nach Norwegen gehen und dort ein Tal weit nordwärts oder mitten durch das schwedische Gebirge wandern? Es war gar nicht so einfach. Von Westen waren dicke Wolken aufgezogen, die nach Regen aussahen. Letztlich entschieden wir uns für die schwedischen Berge. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Will man in die Berge, so geht es natürlich erstmal kräftig bergauf. An einem spiegelblanken See lag Sjangelistugan, ein Samendorf.

Wir hatten den höchsten Punkt erreicht. Vor uns breitete sich eine faszinierende Gebirgslandschaft aus. Wir hätten auch auf dem Mond sein können.

Noch ging es sich erstaunlich gut. Der Weg schlängelte sich an den dicksten Felsbrocken vorbei. Die Wolkendecke riss auf und wir gingen wieder leicht bergab auf einen hochgelegenen See zu. Ein Pärchen kam uns entgegen. Sie hatten jedoch scheinbar keine Lust, Erfahrungen auszutauschen. Gegen elf überfiel uns großer Hunger. Es gab Knäcke und Salami. Das Brot, das wir von zu Hause mitgebracht hatten, war am Vortag bis auf den letzten Krümel verputzt worden.

Kurze Zeit später sahen wir die auf der Karte eingezeichnete Schutzhütte Valfojåkka. Es war erst Mittag und wir fühlten uns frisch und ausgeruht.

Natürlich warfen wir einen Blick hinein. Solche Hütten bestehen in der Regel aus einem ca. 12qm² großen Raum, möbliert mit zwei Pritschen und einem Tisch in der Mitte. Neben dem Eingang steht immer ein norwegischer Ofen Marke Jøtul. Und das war es. Reicht ja auch, um Schutz vor dem Wetter draußen zu finden. Der Weg führte weiter an einem See entlang. Am westlichen Ende des Sees war auf der Karte „vad“ geschrieben. Das bedeutet, das man an dieser Stelle waten muss. Ich war gespannt, wie tief das Wasser an dieser Stelle sein würde. Als wir das Ende des Sees erreicht hatten, war es so herrlich warm in der Sonne, dass wir eine Strandpause einlegten.

Das Waten war einfacher als erwartet, da das Wasser nur etwa wadentief war. Die Strömung war zwar ganz ordentlich, aber wir kamen beide sicher auf die andere Seite und unsere Füße waren herrlich erfrischt.

Wir zogen unsere Stiefel wieder an und gingen weiter. Irgendjemand hatte scheinbar nicht so viel Glück gehabt wie wir, am Wegesrand stand ein einsamer Lundhagsstiefel.Gestrandeter Stiefel

Wir rätselten eine Weile über die Herkunft dieses Stiefels. War sein Besitzer mit nur einem Stiefel weiter gewandert? Hatte er ihn verloren? Wie kann man beim Wandern einen Stiefel verlieren? Oder war dem Armen etwas schlimmes zugestoßen? Antworten fanden wir nicht.

Es ging nun wieder stetig bergauf, hinein in eine noch unwirklichere Landschaft. Hier wuchs außer wenigen Flechten und Moosen nichts mehr. Inzwischen machten sich auch erste Zeichen der Erschöpfung bemerkbar. Schwere Beine und Arme, häufigere Pausen. Aber es nützte nichts, wir mussten noch über diesen Pass und wieder hinunter an den nächsten See. Hier konnte man beim besten Willen nicht zelten. Es gab kein Fleckchen, das nicht von bizarren Felsbrocken okkupiert wurde.

Also weiter. Wir befanden uns inzwischen im Dossagemvaggi und mir ging auf, dass das die schwierig zu gehende Stelle sein musste, über die sich zwei Männer in der Küche von Alesjaurestugan unterhalten hatten. Es gab keinen Weg mehr. Wir kletterten über riesige Felsen, die wie Walrücken wirkten. Es ging pausenlos hoch und runter und wir waren am Rande unserer Kräfte.

Endlich kam der große See in Sicht, an dessen Ende die Schutzhütte Stuor-Kärpel stehen sollte. Wir schleppten uns weiter und halluzinierten Steaks, riesige argentinische Steaks, aber es erwartete uns bloß ein Tütengericht. Leichter Regen setzte ein, aber nach der nächsten Anhöhe kam die Hütte in Sicht! Sie stand leer.

Ich machte Feuer und Tee. Erschöpft setzten wir uns auf die Pritschen. Geschafft! Ein sehr anstrengender, aber wunderschöner Wandertag lag hinter uns. Das Essen schmeckte fast so gut wie ein Steak und nach dem Schreiben fielen mir auch schnell die Augen zu. Erk schlummerte bereits tief und fest.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s