Nordsucht 4

Und tatsächlich, als ich mich am nächsten Morgen noch im Schlafsack reckte und streckte, stellte ich fest, dass es mir erstaunlich gut ging. Erk ging es ebenfalls prächtig und die Sonne ging gerade auf. Also brauchten wir noch keinen Ruhetag. Das Müsli mundete vorzüglich und während ich in der Sonne saß und Kaffee trank, fotografierte Erk die „Roboter“.

Während wir unsere Gamaschen anlegten, machten sich zwei Süddeutsche auch fertig zum Aufbruch. Sie hatten vier große PET-Flaschen mit Wasser gefüllt. Ich lachte und fragte sie, was sie damit wollen, es gäbe doch hier alle Nas‘ lang Trinkwasser. Die Hüttenwirtin kam hinzu, lachte auch und wiederholte meine Frage. Die Süddeutschen leerten ihre Flaschen. Sie wirkten danach recht zerknirscht, da sie von der Wirtin erfahren hatten, dass das Wasser mit einer benzinbetriebenen Pumpe zu den Hütten herauf gepumpt werden müsse. Man lernt nie aus.

Wir machten uns auf den Weg. Nach einem guten Kilometer zweigte der Weg nach Unna Allakas vom Kungsleden nach links ab. Es ging natürlich nach oben, wie sonst sollte man auch aus einem Tal heraus kommen.

Das ist eine weitere Fjällerkenntnis, je höher man nach oben kommt, desto schöner der Ausblick. Das mag zwar für die meisten Menschen nichts neues sein, aber für uns Hamburger Flachländer war es schon eine Offenbarung. Wir gingen langsam, um nicht zu sehr ins Schwitzen zu kommen. Weit vor uns sahen wir zwei weitere Wanderer. Auch dieses Mal ging es von Plateau zu Plateau.

Nach gut drei Stunden hatten wir den Berg überquert und machten uns an den Abstieg ins nächste Tal hinein. Der Hunger meldete sich natürlich bevor wir unten angekommen waren und so gab es Stulle mit Blick.

Der Gipfel des Berges beschattete uns leider, so dass wir die Rast nicht besonders ausdehnen konnten. So hoch oben ist es immer deutlich kühler als unten. Wenn man sich nicht mehr bewegt, kühlt man in zehn Minuten völlig aus. Erk erwischte, bevor wir weitergingen, noch diesen kleinen Kerl.

Wir hatten die Lemminge zwar schon ständig unter den Holzbohlen herumflitzen sehen, aber sobald Erk das Objektiv auf sie richtete, lösten sie sich förmlich in Luft auf. Wir erreichten das Tal recht zügig und hatten trotz des langsamen Tempos die anderen Wanderer bereits oben überholt. Die Landschaft in diesem Tal war überirdisch schön.

Wir überquerten den Svartternjira (Fluss) und gingen an einem Hang entlang Richtung Westen. Die Kreuze des Winterwanderwegs verloren sich erst am Horizont. Durch das Tal wanderten wir gut zwei Stunden. Ein paar Rentiere machten sich nach kurzem Blick auf uns aus dem Staub.

Es war wirklich mit Abstand der wärmste Tag, seit wir unterwegs waren. Wir genossen Wetter und Landschaft und freuten uns schon auf das Abendessen. Davor mussten wir allerdings noch einige Kilometer bewältigen. Wir überquerten einen weiteren Bergsattel. Ich hoffte, von oben schon einen Blick auf unser Ziel werfen zu können, aber man sah nichts. Waren wir noch auf dem richtigen Weg?

Ja, wir waren. Ich stellte fest, dass wir ein weiteres Tal durchwandern, über eine weitere Bergnase klettern mussten und dann wären wir endlich da.

Ich kam mir irgendwie vor, als sei ich am Ende der Welt angelangt. Und ein wenig erschöpft waren wir natürlich auch. Nach einer letzten Pause machten wir uns an den Endspurt. Es ging bergauf und endlich konnten wir die Hütten von Unna Allakas sehen. Was für ein magischer Ort. Es kam kein Rauch aus den Schornsteinen, wir waren also tatsächlich die ersten! Der Hüttenwart war bereits vor einer Woche gegangen, Saisonende. Ein Raum war jedoch ganzjährig nutzbar. Man überweist dem Stf dafür einfach nachträglich einen Obulus.

Erk fotografierte, was das Zeug hielt. Ich räumte unsere Sachen ein und kochte uns einen Tee. Danach war Holz machen angesagt. Ich sägte und hackte. Habe ich schon erwähnt, dass das eine meiner Lieblingstätigkeiten ist? Einige Stunden später kam das Pärchen, das wir überholt hatten. Es waren Finnen. Sie suchten sich einen geeigneten Zeltplatz und kamen dann auf einen Plausch vorbei. Sie hatten sich ein halbes Jahr Zeit genommen, um zu reisen, zunächst durch den Norden und im Oktober sollte es nach Australien gehen.

Als die Dämmerung hereinbrach, hatten wir unseren leckeren Nudeltopf schon verputzt. Wir saßen noch draußen auf der Bank, bis die letzte Wolke sich von rosa nach grau gefärbt hatte. Ich war sehr froh, danach in die warme Hütte zu krabbeln. Ich schrieb noch eine Weile und dann ging’s wie immer früh in die Koje.

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