Nordsucht 2

Am nächsten Morgen weckte mich das stete Prasseln des Regens auf das Zelt. Die Luftfeuchtigkeit muss an die 100% betragen haben. Ich räumte meine Sachen aus dem Weg und wagte einen ersten Blick nach draußen. Die Wolken hingen noch tiefer an den Hängen als am Abend zuvor. Mit unserer Besteigung des Kebnekaise (Sydtoppen) würden wir wohl bis zum nächsten Mal warten müssen. Bei so schlechter Sicht machte eine Gipfelstürmung keinen Sinn. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die auf Deubel komm raus zumindest oben gewesen sein müssen. Nach dem Frühstück im engen Zelt, packten wir unsere Sachen und uns wasserdicht ein und machten uns zunächst auf den Weg zur Kebnekaise Fjällstation. Dort gab es Wetterinfos für die folgenden Tage (es sollte trockener werden) und einen echten Kaffee. Die freundliche Schwedin an der Rezeption versicherte uns, dass die Hütten am Kungsleden noch weitere vier Tage geöffnet sein würden. Unser Ziel hieß also Singistugorna (14 km). Leider gibt es von dieser Wanderung keine Bilder, es war einfach zu nass und die Sicht war gleich Null.

Der vorherige Tag steckte uns zudem noch in den Knochen. Der Weg führte zunächst am Fluss Laddjujohka entlang. Es ging leicht bergan. Und wir waren tatsächlich nicht die einzigen Menschen, die im Regen herumkrabbelten. Uns kam eine ca. siebzigjährige Schwedin mit großen Rucksack und Poncho entgegen. Sie ließ sich vom Wetter nicht die Laune verderben und freute sich auf ein warmes Mittagessen in der Fjällstation. Meine Laune war auch erstaunlich gut, obwohl ich nach einigen Stunden nasse Füße und nasse Arme hatte (so gut war die Ausrüstung dann doch nicht). Erk hatte größere Schwierigkeiten damit, die Umstände gelassen hinzunehmen. Um die Mittagszeit herum kam zusätzlich ein kräftiger Wind auf. Immerhin hatten wir ihn im Rücken, die anderen uns entgegenkommenden Wanderer mussten sich dagegen stemmen.

Wir aßen unsere Stullen geduckt hinter einen großen Stein und sahen zu, dass wir weiterkamen. Beim Gehen war uns zumindest warm. Und ich stellte verwundert fest, dass ich das Gehen im Fjäll trotz allem liebe. Die klare Luft, das köstliche Wasser! Nach gut fünf Stunden kam Singi endlich in Sicht. Wir mussten nur noch einige hundert Meter ins Tal hinabsteigen.

Wir wurden von dem älteren Hüttenwärterpaar sehr freundlich empfangen. Nachdem die Formalitäten erledigt waren, es empfiehlt sich, eine Stf-Mitgliedschaft zu erwerben, wenn man öfters in Hütten übernachten möchte, man spart pro Nacht und Nase 100 SEK, gingen wir hinüber zu „unserer“ Hütte. Ein Pärchen aus der Schweiz war auch schon eingetroffen. Der Ofen strahlte eine behagliche Wärme aus. Das war auch gut so. Wir waren beide durch die Nässe reichlich ausgekühlt. Nach dem ersten Tee und in trockenen Klamotten ging es uns wieder gut. Draußen war aus dem kräftigen Wind ein regelrechter Sturm geworden. Wir waren sehr froh, in dieser Nacht nicht zelten zu müssen. Später am Abend trudelte ein weiteres Pärchen ein, sie Schwedin, er Amerikaner. Nach dem Essen gingen wir alle zeitig zu Bett. Wandern ist unglaublich anstrengend.

Am nächsten Morgen regnete es immer noch, aber ich hatte das Gefühl, dass es im Laufe des Vormittags aufklaren würde. Nach dem Frühstück gingen wir zunächst zur Holzhütte, um das von uns verbrauchte Brennholz zu ersetzen. das ist so üblich und ich säge und hacke gern. Als wir schließlich gegen 11h gepackt hatten, regnete es wie erwartet nicht mehr. Meine Stadtmuskeln protestierten zunächst gute zwei Stunden gegen das Gehen. Der Weg führte uns durch das Tjäktjavagge (vagge = das Tal) am Tjäktjajåkka (jåkka = der Fluss) entlang.

Wir mussten teilweise ganz schön weit flussaufwärts gehen, um die vom vielen Regen geschwollenen Seitenflüsschen zu überqueren.

Nach den ersten zwei Stunden hörte mein Körper auch auf zu protestieren. Endlich konnte ich das Gehen genießen. Nach gut sechs Kilometern erreichten wir die auf der Karte eingezeichnete Schutzhütte Kuoperjåkka. Die Schweizer hatten erzählt, dass sie dort einen Rucksack mit einem Zettel vorgefunden hätten. Der Besitzer des Rucksacks stamme aus Tschechien, habe kein Geld mehr und bitte deshalb um Spenden. Wir sahen den Rucksack nicht mehr. Vielleicht hatte der Tscheche genügend Spenden erhalten, um weiter ziehen zu können. Endlich kam auch die Sonne heraus und wir aßen im Windschatten der Hütte Mittag.

Nach kurzer Rast ging es weiter. Nun kamen uns auch etliche Wanderer entgegen und erzählten immer wieder von einer zerstörten Brücke und dass man flussabwärts gut durch den Fluss waten könne. Wir waren gespannt. Mit nackten Beinen durch eisig kaltes Wasser zu stapfen ist auf jeden Fall eine interessante Erfahrung. Unterwegs begegneten wir den ersten Rentieren.

Nach weiteren zwei Kilometern erreichten wir die Brücke. Sie war nicht zerstört. Der Fluss war lediglich so angeschwollen, dass sie in der Mitte endete. Nach einigem hin und her beschlossen wir gemeinsam mit der Schwedin und dem Amerikaner, sie gingen auch nach Sälka und man trifft sich zwangsläufig immer wieder, über die Brücke zu waten. Ich machte den Anfang. Es galt, lediglich drei Meter durch den Fluss zu gehen. Die Strömung war zwar ziemlich stark, aber ich erreichte das andere Ende der Brücke wohlbehalten und die anderen auch. Derart erfrischt waren die letzten Kilometer ein Spaziergang.

Ganz hinten im Bild sind die Hütten bereits zu erkennen. Es war zwar erst vier Uhr nachmittags, aber es gab dort eine mit Holz befeuerte Sauna und nach drei Tagen freute ich mich schon sehr auf eine gründliche Säuberung.

Wir hatten dieses Mal ein Zimmer ganz für uns allein. Ich heizte die Küche, es gab „heißen Affen“, Tee, Sauna, Abendessen und natürlich Schoki! Erk ging noch einmal raus zum Fotografieren. Die Lage der Sälkahütten war einfach zu schön.

Nach der Sauna fühlten wir uns pudelwohl. Es ging wie immer früh in die Falle und ich war recht zuversichtlich, dass die Schmerzen am nächsten Tag verschwunden sein würden.

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