Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 7

Um unser Ziel, Kôchi, zu erreichen, mussten wir von nun an längere Strecken mit der Bahn zurücklegen. Die Distanz zwischen No. 23 und No. 24 beträgt allein 75,4 km. Zum Glück sind wir nicht dogmatisch. Wir fuhren nach Hiwasa. Der Bahnhof liegt direkt neben dem Tempel No. 23. Seine rote Pagode leuchtete kunstvoll vorm blauen Himmel. Der Tempel selbst berührte mich weniger. Das lag vielleicht aber auch an den beiden Busladungen, die sich über das Gelände schoben. Er ist, davon abgesehen, der bekannteste und am meisten besuchteste Tempel von allen. Er soll angeblich vor Unglück schützen. Weitaus detailiertere Informationen zu allen Tempeln und dem Trail findet ihr übrigens hier: http://www.shikokuhenrotrail.com

Wir mussten eine gute Stunde auf den Zug nach Shishikui warten und vertrieben uns die Zeit mit Eis, Kaffee und Schreiben. In Shishikui versorgten wir uns mit leckerem Bentô, das wir direkt am Meer verspeisten. Herrlich, endlich am Meer zu sein. Ich habe Berge zwar im Laufe der Zeit zu schätzen gelernt, aber mein Herz schlägt immer noch stärker für das Meer.

Dann ging es weiter ins Ungewisse. Es war plötzlich unglaublich heiss. Auf der Brücke vor dem ersten Tunnel begegnete uns ein älterer, drahtiger Henro. Er überquerte die Straße und kam direkt auf mich zu. Er nahm meine Hand und redete aufgeregt und eindringlich auf mich ein. Antje verstand auch nicht genau, was er sagte, aber sie meinte, dass er mich gerade gesegnet hätte. Danach verabschiedete er sich mit einem schelmischen Grinsen und wir durchquerten den Tunnel. Auf der anderen Seite standen mehrere ältere Damen im Schatten an der Straße und verkauften Mandarinen (Nachtrag: es muss sich um Yuzu gehandelt haben). Wir bekamen je einen Beutel geschenkt. O-settai. An einem Surferstrand schenkte ich meinen Beutel einer Surferin, so viele Mandarinen hätten wir unmöglich essen können, obwohl sie lecker waren. Sie bedankte sich mit Süßigkeiten und erzählte uns, dass man ca. 15 km südlich von hier gut am Meer zelten könne. Das Meer faszinierte uns gleichermaßen. Zur linken Seite der türkisblaue Pazifik und rechterhand 500 m hoche dicht bewaldete Berge. Im letzten Dorf vor einer langen Einöde deckten wir uns mit Proviant ein. Die Suche nach einem geeigneten Platz zum Zelten kostete uns weitere zwei Stunden, aber dann hatten wir ihn, den Platz am Meer.

Wir genossen die Aussicht und das Geräusch der Wellen.

Gut geschlafen haben wir allerdings nicht. Wenn man in einem Zelt liegt, kommen einem alle Geräusche sehr viel lauter und näher vor, als sie es in Wirklichkeit sind. Ich wachte vom Geplätscher der Wellen auf und schob plötzlich Panik, es könne so etwas wie Flut geben und wir würden weggespült werden. Also raus aus dem Schlafsack und nachgesehen. Meine Panik erwies sich als vollkommen überflüssig. Das Meer war dort, wo es hingehörte, meterweit von unserem Zelt entfernt. Irgendwann schliefen wir dann doch.

Morgens gab es zum Kaffee einen schönen Sonnenaufgang. Dann machten wir uns auf den Weg weiter an der Straße entlang in Richtung der nächsten Bushaltestelle. Die Zuglinie endete eine Station nach Shishikui und begann erst wieder ein paar hundert Kilometer weiter.

Nach ca. 7 km erreichten wir sie. Der Bus kam pünktlich (das ist in Japan üblich) und brachte uns bis kurz vor No. 24, der natürlich auf 126 m lag. Dieses Mal mussten wir die Rucksäcke mitnehmen. Der Weg führte über den Berg und auf der anderen Seite wieder hinunter ans Meer. Beim Aufstieg fanden wir Werbung für ein ansprechendes Hotel in Nahari. Sie boten einen speziellen Pilgerrabatt an und wir beschlossen, es bis dorthin zu schaffen. No. 24 war sehr meditativ und inspirierend. Wir erwarben dort O-mamori (Glücksbringer). Sie behalten ihre Wirkung für ein Jahr. Es gibt sie für alle Lebensbereiche, in denen man Glück gebrauchen kann. Traditionell werden sie beim Neujahrsfest verbrannt (als Opfergabe für das erhaltene Glück).

Voller Elan gingen wir weiter in Richtung No. 25. Am Strand machten wir Mittagsrast, trockneten die klammen Schlafsäcke und kochten uns Nudeln. No. 25 war leider nicht besonders schön. Wir fragten beim Stempeln nach einer Busverbindung nach Nahari und es gab sie! Auf dem Weg legten wir noch einen kurzen Zwischenstop ein, um No. 26 zu erklimmen (ebenfalls auf 126 m). Die Rucksäcke ließen wir dieses Mal einfach an der Bushaltestelle. Und unser Vertrauen in die Japaner wurde nicht enttäuscht. Brav warteten sie auf uns!

Am Ende des Tages checkten wir müde und glücklich in das Hotel in Nahari ein. Es gab sogar einen hoteleigenen Onsen, den wir gern besuchten. Frisch gewaschen, mit frisch gewaschener Wäsche plauderten wir an diesem Abend noch lange über die Liebe, ein weites Feld.

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