Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 4

Am nächsten Morgen regnete es Bindfäden. Wir packten unsere Sachen zusammen und schlüpften in unsere Regenklamotten. Der nächste Tempel, No. 10, lag recht hoch auf einem Berg. Netterweise bot uns eine ältere Dame an, unser Gepäck auf ihrer Veranda unterzustellen. Wir nahmen dankend an. Nach 660 Stufen, 330 hinauf und 330 wieder hinunter, führte uns der Weg zu No. 11 sanft ins Tal hinunter an einem großen Fluß entlang. Die Wolken hoben sich und wir mussten anhalten, um die Regenklamotten auszuziehen.

Wasserdichtigkeit funktioniert leider in beide Richtungen. Und sobald man zu schwitzen beginnt, steht man in seinem eigenen Regen. Vor uns lag nun die lange Brücke nach Yoshinogawa. Die Mittagszeit näherte sich. Zum Glück stießen wir in Yoshinogawa schnell auf ein Udonlokal. Wir wurden freundlich begrüßt und speisten zum ersten Mal klassisch in einem mit Tatami ausgelgtem Raum. Schuhe aus. Die Udon waren zwar nicht ganz so lecker wie in Tokushima, aber sie sättigten. Gestärkt machten wir uns auf die Suche nach Tempel No. 11. Er lag versteckt am Fuß des Berges, den wir später erklimmen würden.

Der Charme des Tempelgeländes nahm uns sofort gefangen. Kôbô Daishi soll die Buddhastatue des Haupttempels eigenhändig geschnitzt haben. Obwohl der Tempel zahlreiche Male vom Feuer zerstört wurde, blieb die Statue unversehrt. Sie wird deshalb als Schutz vor Zerstörung angesehen. Nachdem wir den Geist des Ortes gebührend auf uns wirken lassen hatten, ließen wir unser Pilgerbuch stempeln. Die Dame erklärte uns, dass es in Richtung No. 12 nach ca. 7 km eine tsûyadô (kostenlose Übernachtungsmöglichkeit) gäbe, eine Hütte mit fließendem Wasser. Aber sie mahnte, dass der Aufstieg gut drei Stunden dauere. Wir kauften ihr das nicht ab und machten uns forsch auf den Weg.

Wir gingen langsam aber stetig immer weiter bergauf. Es war anstrengend. Der Blick auf Yoshinogawa entschädigte uns ein wenig.

Leider erwies sich die Einschätzung der Dame am Tempel als richtig. Nach gut zwei Stunden machten wir erschöpft Rast und aßen unseren ersten „Soy Joy“-Riegel. Ein eiweißreicher Sojariegel, der tatsächlich gute Laune macht und Flügel verleiht. Gestärkt gingen wir weiter. Nach einer weiteren guten Stunde erreichten wir die tsûyadô. Leider war sie schon belegt. Es befand sich jedoch eine Wiese direkt daneben und so kamen wir in den Genuss einer ersten Zeltnacht.

Wir schliefen erstaunlich gut. Die Sonne lachte uns entgegen und nach dem Frühstück und dem Zusammenpacken stand unserem Weg zu No. 12 (dem schwierigen Ort) nichts mehr im Weg. Uns trennten nur noch 6 Km und 1000 Höhenmeter. Auf dem ersten Gipfel begegnete uns Kôbô überraschend:

Danach ging es durch ein verschlafenes Tal und wieder hinauf. Endlich war No. 12 erreicht. Dort war es zum ersten Mal richtig voll. Ein Bus voller Pilger war gerade angekommen und die Gruppe absolvierte ihre Runde. Es ist keinesfalls üblich, zu Fuß zu pilgern. Die meisten Japaner nehmen nur zwei Wochen Urlaub im Jahr und haben so natürlich wenig Zeit. Deshalb pilgern viele mit dem Auto oder im Bus. Das ist nicht weniger ehrenhaft, wie man als Deutscher vielleicht denken würde. Es geht um den Akt des Pilgerns, die Modalitäten spielen keine Rolle.

Es war inzwischen Mittag und wir hatten Hunger. Das Tempelrestaurant bot günstige Udon an. Da konnten wir natürlich nicht nein sagen. Nach dem Essen saßen wir noch eine Weile in der Sonne und genossen die Aussicht. Neben uns unsere kleine Freunde.Nach der Mittagsrast peilten wir den Campingplatz „Cotton Fields“ an. Der Abstieg machte mir ganz schön zu schaffen. Mein Hüftgurt quälte mich, wie damals im Torres del Paine Park. Ich schwor mir, für die nächste Wanderung endlich einen neuen Rucksack zu kaufen.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen fanden wir den Platz und durften unser Zelt sogar ausnahmsweise auf dem Gras aufbauen (echte Zelte scheinen in Japan nicht üblich zu sein). Antje schlug vor, den nahegelegenen „Onsen“ aufzusuchen. Ich war zwar skeptisch und kaputt, aber auch neugierig. Und dann begeistert. Onsen sind öffentliche Badehäuser, die oft von natürlichen heissen Quellen gespeist werden (wie dieser). Vorab wird im Sitzen geduscht und geschrubbt, was das Zeug hält, und dann wandert man von einem heissen Becken in das nächste und entpannt in der Wärme vollkommen. Wir hatten am nächsten Tag tatsächlich keinen Muskelkater.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich leider etwas verschnupft. Meine Hüfte schmerzte und erst, als wir die Rucksäcke tauschten, ging es mir besser.

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