Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 3

Am nächsten Morgen bekamen wir ein orginal japanisches Frühstück serviert. Es besteht aus Reis, einem rohen Ei, das man über den Reis gibt und das durch die Wärme des Reises stocken soll, eingelegtem Gemüse, einem Stück sauer eingelegten Fisch, Misosuppe, Nattô (fermentierte Sojabohnen, deren Geschmack für nicht japanische Zungen höchst ungewöhnlich ist. Mich erinnerte er an sehr alten Blauschimmelkäse) und einem Stückchen frittierten Tofu. Ich schlug mein Ei heroisch über dem Reis auf. Aber oje! Der Reis war nicht mehr heiss genug und das Ei blieb flüssig. Ich zuckte nicht mit der Wimper und aß den Reis bis auf das letzte Korn auf. Antje warf mir einen erstaunten Seitenblick zu. Mehr war nicht drin. Sie parlierte angeregt mit einem Mitpilgerer. Wir erfuhren, dass er die Runde bereits zum zehnten Mal zu Fuß absolviere. Er war über siebzig Jahre alt. Ich hätte ihn höchstens auf sechzig geschätzt. Nach dem Frühstück packten wir zusammen und machten uns auf den Rückweg zu No. 4. Zunächst ging es jedoch an No. 5 vorbei. Die Sonne strahlte und ich bewunderte ein japanisches Phänomen. Den Getränkeautomanten.

Er beinhaltet alle möglichen kalten und heissen (!) Getränke. Nescafé aus Dosen, mit oder ohne Milch, mit oder ohne Zucker, unglaublich! Auf dem Rückweg von No. 4 machten wir an genau diesem Automaten noch ein Päuschen mit Kaffee.

Als wir weiterpilgerten, wurden uns erste „o-settai“ angeboten. Mit diesen Gaben geben nicht pilgernde Menschen ein Stück von sich mit auf die Pilgerfahrt und pilgern so im Geiste mit. Wir bekamen eine Dose Saft und ein Täschchen von einer älteren Dame, in das man z. B. Kleingeld stecken konnte. Wir erfuhren, dass es bei No. 8 eine „tsûyado“ gebe, eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit. Dort wollten wir versuchen zu übernachten. Die Tempel sind übrigens sehr unterschiedlich. Einige sind aus Holz, alt und verwittert und andere moderne neue Betonkonstuktionen.

Einzig die Form der Dächer ist immer gleich mit den nach oben gebogenen Kanten. Die Bauart kommt aus China und es wird gesagt, dass so die bösen Geister nach oben abgeleitet werden und nicht in das Haus eindringen können.

Am Wegesrand begegneten uns auch häufig kleine Schreine mit den unterschiedlichen Jizô. Hier wieder der Jizô der Reisenden und Wasserkinder. Wenn wir an jedem dieser Orte gespendet hätten, hätten wir hungern müssen.

Bevor wir uns zu No. 8 begaben, machten wir noch einen Abstecher zu No. 9. Das hatte in erster Linie praktische Gründe. In der Nähe des Tempels sollte es einen Conbini geben und wir brauchten noch Verpflegung und Bier. Der Conbini ist ein kleiner, in größeren Städten rund um die Uhr geöffneter Laden, in dem man alles Lebensnotwendige nur unwesentlich teurer als im Supermarkt erwerben kann. Als wir dann endlich vor No. 8 ankamen, waren wir reichlich erschöpft. No. 8 lag natürlich auf einem kleinen Hügel und es ging bergauf.

Wir gingen durch das schöne alte Holztor und immer weiter bergauf. Die freundliche Frau an der Information gab uns den Schlüssel für die winzige Hütte, in der wir übernachten durften. Toiletten gab es in der Information und fließend Wasser und einen Getränkeautomaten direkt davor. Wir räumten unsere Sachen ein und erwiesen No. 8 unseren Respekt. Dann gab es endlich ein kühles Bier und Japanischunterricht für mich. Nachdem ich mein Reisetagebuch auf den neusten Stand gebracht hatte, schliefen wir erschöpft ein. Mitten in der Nacht weckte uns das Geräusch von Regentropfen auf dem Dach und wir waren sehr froh, in der kleinen Hütte liegen zu dürfen.

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2 Gedanken zu „Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 3

  1. Ach ja, die Erinnerungen! Ich musste an den armen Kerl denken, der erst nach uns bei No. 8 ankam und so die Hütte natürlich nicht bekam. Er nächtigte auf einem nur notdürftig überdachten Picknicktisch – und das bei dem Wind und Regen! Aber wie dem auch sei, in unserer Bleibe wäre beim besten Willen kein Platz gewesen…

    • ja, an den erinnerte ich mich auch. der artikel war nur schon soo lang 😉 ich bin schon beim nächsten teil. aber mir fällt partout der name der stadt nach der langen brücke nicht ein…

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