Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 2

Der Weg aus Ôsaka hinaus schien endlos zu sein. Wir fuhren stundenlang durch Häuserschluchten. Beton, soweit das Auge reichte. Nirgends ein Flecken Grün, keine Bäume, keine Parks, nur Häuser, Stadt und Industrie. Da Japan zu weiten Teilen aus unbewohnbarer Berglandschaft besteht, drängt sich fast die gesamte Bevölkerung eben an den Küsten. Nach einigen Stunden lichtete sich der Großstadtdschungel. Wir überquerten mehrere imposante Brücken und erreichten schließllich die Insel Shikoku. Ich sah fasziniert aus dem Fenster und fragte mich, wie die Menschen hier wohl lebten. Als erstes fielen mir Rohrkonstruktionen vor jedem Haus auf. Wozu die wohl gut waren? Ich rätselte. Später stellte sich heraus, dass es sich um „Wäscheleinen“ handelt. Sie sind so stabil, weil die schweren Futons regelmäßig in der Sonne gelüftet werden müssen.

Pünktlich um 12h erreichten wir den Busbahnhof in Tokushima. Die Sonne lugte hinter den Wolken hervor und unsere Intuition trieb uns direkt in die Arme des beliebtesten Udon-Restaurants der Stadt, unschwer zu erkennen an der bis auf die Straße reichenden Schlange. Wir bestellten eine kleine Portion. Sie war riesig und köstlich. Udon sind dicke Weizennudeln, die traditionell in Dashi (eine Art Brühe aus Konbu, Seetang, und Bonitoflocken, Thunfisch) schwimmen. Darüber streut man Lauchzwiebeln und Chiliflocken. Dann darf geschlürft werden. Das Hantieren mit den Stäbchen ging mir bereits deutlich leichter von der Hand. Ich lernte außerdem, dass es in Japan als extrem unhöflich empfunden wird, wenn man sich bei Tisch die Nase putzt. Deshalb das allgemeine Hochgeziehe. Ich hatte mich schon gewundert. Die Nasen liefen über der heißen Suppe unvermeidlich. Frisch gestärkt suchten wir den Bus zum Tempel No. 1, fanden ihn und waren endlich am Anfang unserer Pilgertour angekommen.

Zunächst rüsteten wir uns im Pilgershop mit Pilgerbuch und -tasche aus. In das Pilgerbuch bekommt man in jedem besuchten Tempel eine kunstvolle Kalligraphie und einen Stempel. Und die Tasche war ein Kompromiss. Die meisten anderen Pilgerer rüsten sich von Kopf bis Fuß aus. Angefangen vom Reisstrohhut bis zum Pilgerstab mit Glöckchen. Sie sahen ungefähr so aus:

Das Gesamtoutfit sprengte zum einen unser Budget und zum anderen fanden wir es auch lächerlich. Das lag natürlich an unserer europäischen Erziehung. Japaner finden es vollkommen normal, sich in einer Gruppe zu verlieren. Wie auch immer. Die Pilgertasche enthielt neben dem Pilgerbuch unsere  Karte, Räucherstäbchen und Antjes Fotoapperat.

Bevor wir Ryôzenji, so der Name des ersten Tempels, betraten, weihte Antje mich in die hohe Kunst des Tempelbesuchs ein. Zunächst verneige man sich vor den Hütern des Tempels am Tor. Dann wasche man die linke und die rechte Hand, den Mund und die linke Hand erneut. Danach begebe man sich zur Haupthalle, entzünde eine Kerze und einige Räucherstäbchen (als Opfergabe, Geld geht natürlich auch immer). Wieder eine Verneigung zu Abschied. Nun wende man sich der Halle des Kôbô Daishi zu. Dort wiederhole man die Prozedur und rezitiere drei Mal die ersten Zeilen des Herzsutras (oder das ganze, wenn man es denn kann. „Namu daishi henjô kongô…“). Reichlich verwirrt folgte ich ihr unauffällig und imitierte jede ihrer Handlungen.

Weitere Bewohner des Tempelgeländes sind die Jizô. Das sind Menschen, die ihre Erleuchtung erlangt haben und ins Nirvana hinübertreten könnten. Freundlicherweise entschieden sie sich jedoch dafür, die Unerleuchteten auf ihrem Weg zu begleiten. Der Jizô in Tempel No. 1 war zuständig für die Wasserkinder und die Reisenden. Wasserkinder sind Kinder, die nie das Licht der Welt erblickt haben. Sehr berührend.

Der Weg zu No. 2 und No. 3 war kurz und einfach zu finden. Die Sonne schien und wir planten bei No. 4 kostenlos zu übernachten.

Als wir dort ankamen, war der Tempel bereits für die Nacht geschlossen. Noch unsicher und unerfahren gingen wir an potentiellen Zeltplätzen vorbei und landeten schließlich in einer recht teuren „minshuku“, einer Privatpension mit Frühstück. Das Bad tat unglaublich gut. Ich lernte mein neues Lieblingsshampoo von Shiseido kennen und das Feierabendbier schmeckte vorzüglich. Die Minshuku ist eine traditionellle Form der japanischen Unterkunft, familiär – und eben tradidionell. Die Wände innerhalb des Hauses bestanden tatsächlich nur aus mit Reispapier bespannten Holzrahmen und der Boden war mit Tatami, Reismatten, ausgelegt. Als es gegen Abend kühler wurde, streckten wir unsere Beine unter den Kotatsu (ich lachte mich schlapp ob des Wortes, es handelt sich um einen flachen Tisch, unter dem sich ein Heizelement befindet. Der Tisch ist von einer schweren Decke verborgen. Das gibt eine angenehme Wärme). Wir redeten erneut lange und kuschelten uns schließlich auf die gemütlichen Futons.

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