Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 1

Meine Schwester Antje studierte Japanologie. Ein Auslandsjahr war ratsam. Sie flog im September 2008 nach Ôsaka. Von dort aus ging es weiter nach Kyôto. Sie studierte an der Kyôto Sangyô Daigaku und lebte sich schnell ein. Über ihr Jahr im Land der aufgehenden Sonne berichtet sie ausführlich hier: http://antinjapan.wordpress.com

Ich vermisste sie sehr. Regelmäßiges Skypen war keine wirkliche Alternative. Während eines Gesprächs Ende Januar 2009 erzählte sie mir, dass sie im März Ferien habe und von ihrer Dozentin den Tip bekommen habe, dass es lohnenswert sei, eine Pilgerreise nach Shikoku zu unternehmen. Ich war Feuer und Flamme und schlug vor, gemeinsam zu pilgern. Ich steuerte die Trekkingausrüstung bei, sie die Sprach- und Landeskenntnisse, ein perfektes Team. Und sie fand einen sensationell günstigen Flug für mich, den ich sogleich buchte. Am ersten März sollte es losgehen.

Nach gut zehn Stunden landete ich reichlich müde in Ôsaka. Antje holte mich zum Glück vom Flughafen ab. Ich weiss nicht, ob ich mich ohne weiteres allein dort zurecht gefunden hätte. Es ist schon ein komisches Gefühl, Hinweistafeln nicht lesen zu können, weil sie vor seltsamen Zeichen nur so wimmeln. Wir teilten das Gepäck auf, fuhren mit der Bahn in die Stadt und schlossen die Rucksäcke am Bahnhof ein. Bis zum Check-In unseres Hostels, dem „J-Hoppers“, waren noch gut fünf Stunden Zeit. Wir spazierten durch ein überdachtes Einkaufszentrum. Antje musste viele Fragen über sich ergehen lassen, so vieles war mir fremd und unerklärlich.

Der Mittagshunger trieb uns in eine Sushi-Bar, wohin sonst. Ich hatte noch nie im Leben mit Stäbchen gegessen. Antje drückte mir ein paar in die Hand und kommandierte, hier, du gewöhnst dich lieber gleich dran. Anfangs verkrampfte meine rechte Hand und die Spitzen der Stäbchen glitten aneinander vorbei. Irgendwie schaffte ich es dennoch, satt zu werden.

Danach zeigte Antje mir die Magie der 100 Yen Shops. Es gibt dort nahezu alles und jeder Artikel kostet wirklich nur 100 Yen. Natürlich sind einzelne Gegenstände nicht besonders hochwertig, aber die meisten machten einen soliden Eindruck. Wir deckten uns mit Reiseartikeln ein, es gab sogar eine Stirnlampe!

Dann war es endlich soweit. Wir schlenderten zurück zum Bahnhof, holten unser Gepäck und fuhren in das Hostel. Antje hatte es für zwei Nächte gebucht, damit ich mich an die Zeitumstellung gewöhnen konnte. Wir checkten ein. Das Hostel lag in einer ruhigen Seitenstraße und hatte sogar eine Dachterrasse.

Nachdem wir die Aussicht gebührend bewundert und ein erstes Bier getrunken hatten, galt es, einen Supermarkt zu finden, um uns mit Leckereien zum Abendbrot zu versorgen. Es hatte inzwischen begonnen zu regnen. Zum Glück habe ich einen untrügerischen Riecher für Orte, an denen man Leckereien kaufen kann. Einen so gut sortierten Supermarkt hatte Antje während des letzten halben Jahres noch nicht gefunden – ätsch!

Es gab sogar erschwinglichen französischen Rotwein und Baguette. Wir entschieden uns für Gurke, Tomate, Baguette mit Olivenöl und Rotwein. Ich weiss, das war nicht besonders stilvoll, wo es doch in Japan so viele kulinarische Delikatessen zu entdecken gibt. Wir hatten bereits zum Mittag Sushi und die Kochmöglichkeit im Hostel war bescheiden. Außerdem sehnte sich Antje nach einem halben Jahr Reis heftigst nach Brot. Wir quatschen noch eine ganze Weile und planten den nächsten Tag. Wir brauchten noch Gaskartuschen und diverse Kleinigkeiten. Gegen halb eins plumsten wir völlig erledigt in die sehr gemütlichen Betten.

Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder. Wir fanden „Montbell“, den japanischen Outdoorshop und erwarben zwei Gaskartuschen und eine Mütze für mich. Danach ging es zum zentralen Busbahnhof. Wir brauchten Tickets für die Fahrt nach Tokushima am nächsten Morgen. Antje hatte zwar ein wenig Bammel, ob der Ticketverkäufer sie verstehen würde. Überhaupt kein Problem. Ich würde behaupten, ihr Japanisch ist brilliant! Danach erstanden wir Bentoboxen, eine Art Lunchbox gefüllt mit Sushi, Reis, Fisch, eingelegtem Gemüse und anderen Köstlichkeiten. Da es zu regnen begonnen hatte, gingen wir zurück ins „J-Hoppers“, aßen dort und gönnten uns einen Mittagsschlaf.

Danach galt es die letzte große Herausforderung zu meistern. Würde das gesamte im Hostelzimmer ausgebreitete Gepäck Platz in unseren Rucksäcken finden? Ich war skeptisch. Irgendwie ging dann doch alles hinein. Wir wiederholten das französische Abendmenue und unterhielten uns bis nach Mitternacht. Ich hatte bereits in diesen ersten zwei Tagen so viel gelernt und so viele neue Eindrücke aufgenommen, dass mir der Kopf schwirrte. Beinahe vergaß ich beim letzten Gang zur Toilette, die Kloschuhe auszuziehen. Ja, Kloschuhe. Man tauscht nicht nur am Eingang eines Hauses seine Straßenschuhe gegen bereitstehende Schlappen, sondern auch an der Schwelle zur Toilette die Hausschlappen gegen meist giftgrüne Kloschuhe. Giftgrün vermutlich als Warnhinweis, die Schuhe auch ja in der Toilette zu belassen. Das hat irgendetwas mit bösen Klogeistern zu tun… Sayônara!

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3 Gedanken zu „Pilgern auf Shikoku 2009 Teil 1

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