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Halbmarathon

Vorab ein kurzes Lob für die Hamburger Bücherhalle. Ich bin mindestens einmal pro Woche dort und werde jedes Mal fündig. Es wird so viel neu angeschafft, dass ich mit dem Lesen kaum hinterher komme. Würde ich all diese Medien kaufen, wäre ich schon nach zwei Monaten pleite und meine Wohnung unpassierbar… Vor gut drei Monaten stieß ich dort auf ein spezielles Frauenlaufbuch. Viel Neues hatte es mir nicht zu bieten, aber es befand sich ein Schatz in diesem Buch (Lauf-Guide für Frauen): ein Trainingsplan!

Vor acht Jahren trainierte ich zuletzt nach einem Plan. Damals war das Ziel ein Marathon, den ich leider nicht mehr laufen konnte, weil ich gemeinsam mit Erk zu einer langen Radreise aufbrach. Für den Halbmarathon hat es noch gereicht. Ein unvorstellbar lange Strecke, 21 km. Eine Stunde radeln. Es war unglaublich anstrengend. Nicht, so lange zu laufen, sondern so lange relativ schnell zu laufen. Die genaue Zeit weiß ich nicht mehr, etwas unter 1:50, ganz passabel für den ersten Versuch.

Der sterbende Schwan ;-)

Danach lief ich viele Jahre einfach so, meist nicht länger als eine Stunde und meist in einem mir angenehmen Tempo. Vielleicht hatte ich auch deshalb letzten Winter monatelang mir einer Achillessehnenentzündung zu tun, wer weiß. Monotone Belastung, zu wenig Abwechslung. Im Mai konnte ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder laufen. Das Buch fiel mir dann genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände. Ich verspürte unbändige Lust, mich noch einmal an einem systematischen Training zu versuchen. Maximal vier Einheiten pro Woche standen auf dem Plan. Die Abfolge war stets gleich. Am Montag ein mittellanger, langsamer Lauf. Am Mittwoch Tempotraining. Am Donnerstag eine halbe Stunde Regeneration und am Samstag der lange, langsame Lauf.

Ich weiß gar nicht, was härter war: die langen, langsamen Läufe oder das Tempotraining. Beides völlig ungewohnt für mich. Ich staunte, welche Strecken ich noch im Schneckentempo in anderthalb Stunden bewältigen konnte und war nach den Sprinteinheiten regelmäßig tomatenrot und ausgelaugt. Schwere Beine hatte ich ständig. Ich fragte mich, ob das Training mir tatsächlich etwas brachte, zweifelte. Dann kam das erste Erfolgserlebnis  in Woche acht (von zehn). 2 x 25 Minuten Schwellentempo und zum ersten Mal war es zwar immer noch anstrengend, aber auch irgendwie leicht. Welch Euphorie!

Den anschließenden 10 km Testlauf wollte ich unbedingt in 50 Minuten schaffen, nur so hatte ich eine geringe Chance, den Halbmarathon unter 1:50 zu laufen. Am diesem Samstagmorgen war die Landschaft mit glitzerndem Reif überzogen. Ich lief motiviert los und genoß die klare Luft. Nach ungefähr sechs Kilometern begannen meine Oberschenkelmuskeln zu brennen. Es ging bergauf, ich keuchte und quälte mich. Und plötzlich kamen die destruktiven Gedanken. Warum machst du das alles eigentlich? Du könntest hier abkürzen, ist doch nicht so wichtig, läufst du halt nächsten Samstag nochmal…

Einatmen, ausatmen, schau, du bist schon so weit gekommen und gut in der Zeit. Du schaffst das schon, los, weiter. Es gelang mir, die trüben Gedanken ziehen zu lassen und der Verlockung der warmen Stube zu widerstehen. Als ich die imaginäre Ziellinie kreutzte, fühlte ich mich unendlich glücklich. Geschafft, vorbei. 50:33, ganz ordentlich und ich hätte auch noch weiterlaufen können. Die wichtigste Erfahrung dieses Testlaufs war jedoch, dass Gedanken tatsächlich maßgeblich zu Erfolg oder Misserfolg beitragen. Das war mir vorher zwar theoretisch bewusst gewesen, aber praktisch hatte ich es noch nie so deutlich erlebt.

Ganz schön weit!

Zwei Wochen später war er da. Der Tag des Halbmarathons. Ich fühlte mich nicht besonders fit und dynamisch, zog meine Sachen an und rannte viel zu schnell los, alter Anfängerfehler. Erk begleitete mich freundlicherweise mit dem Rad und hielt Tee mit Honig und einer Prise Salz bereit. Kilometer fünf. Inzwischen schwitzte ich stark. Die lange Gerade am Elbdeich zog wie im Flug an mir vorbei, eher meditativ als monoton. Kurzer Zeitcheck bei Kilometer zehn: 48:20, gar nicht übel. Nur leider fingen meine Oberschenkel unerträglich zu brennen an. Keine Kraft mehr. Weiter. Ein Schluck Tee wirkte Wunder. Schon war Kilometer fünfzehn in Sicht. Jetzt nochmal etwas zulegen, bergauf wieder hinein in die Stadt, eine Ehrenrunde um unsere Straße und: geschafft!

Ein Blick auf die Zeit…

Zuerst konnte ich es kaum fassen. Ich war gerade 21 km gelaufen und zwar in 1:41:54! Wow! Nur knapp an meiner Wunschzeit unter 1:40 vorbei. Aber mehr wäre dieses Mal auch nicht drin gewesen. Ich hatte alles gegeben.

Nach dem Frühstück sickerte das Glücksgefühl langsam in mein Bewusstsein. Ein herrliches Gefühl. Ich verordnete mir eine einwöchige Laufpause und ein erneutes zehnwöchiges Halbmarathontraining mit etwas erhöhtem Umfang. Mal sehen, ob ich meine Zeit im nächsten Jahr nicht noch etwas verbessern kann und dann steht auch noch der volle Marathon auf meinem Wunschzettel. Nächstes Jahr.

Man nehme: zwei Fahrräder, ein Zelt, zwei Schlafsäcke, zwei Isomatten, zwei fahrfreudige Menschen und noch einiges mehr. In den Zug gestiegen, nach Frankfurt gefahren und dort, am Main, gestartet. Der fließt nur 500m vom Hauptbahnhof entfernt träge dahin.

Nix wie raus aus der Stadt!

Die Wolken im Hintergrund erwiesen sich als harmlos. Einen kurzen Gewitterschauer gab es am Nachmittag. Wir fanden Zuflucht unter einer Brücke und nach einer halben Stunde strahlte die Sonne wieder. Nach knapp 90km erreichten wir einen beschaulichen Campingplatz mit Biergarten. Herrlich.

Am nächsten Morgen empfing uns eine geschlossene Wolkendecke, aus der es kurz nachdem wir losgefahren waren, konstant regnete. Nach drei Stunden waren wir durch und durch naß, Funktionsbekleidung hin oder her. Wir durften zum Trocknen unter einen Heizstrahler und gegen Mittag waren alle Wolken wie von Zauberhand verschwunden. Wir erreichten die Taubermündung in Wertheim kurze zeit später und verließen den Mainradweg. Da der nächste Campingplatz noch gute 50km entfernt war, nahmen wir uns in Tauberbischofsheim kurzerhand ein Zimmer.

Lässige Pose am Morgen

Tauberbischofsheim ist ein nettes Städtchen mit historischer Altstadt. Leider nicht verkehrsberuhigt. Das sollte uns immer wieder auffallen. Wunderschöne Plätze mit Außengastronomie, über die neben PKW auch riesige Busse und LKW dröhnen. Wie soll man da sein Eis oder Bier in der Sonne genießen?

Unglaublich viele Sonnenblumen

Aber ich will nicht lamentieren. Man sollte sich einfach auf die schönen Dinge und Gegebenheiten konzentrieren, was mir im Taubertal recht leicht fiel.

Rast an einer besonders lieblichen Stelle

Das liebliche Taubertal trägt seinen Namen zu Recht und wird gen Rothenburg hin immer hügeliger. Völlig erschöpft von “Bergen” und Sonne erreichten wir einen Campingplatz vor Rothenburg. Leider waren die nächsten Einkaufsgelegenheiten oben in der Stadt. Also stapften wir nach dem Duschen los.

Der fieseste Berg erwischt einen immer abends…

Da wir auf die Schnelle keinen Supermarkt fanden, gingen wir in einen Bioladen. Nun ja, der dreifache Preis für eine Dose Tomaten erschien mir zwar etwas happig, aber zum Weitersuchen hatte ich auch keine Lust mehr. Das Ciabatta für 3,50€ überstieg meine Schmerzgrenze. Soviel Geld für gut 200g Brot! Echter Biowucher. In einer konventionellen Bäckerei erklärte uns die Verkäuferin, dass das an den Japanern läge, die würden für ein Brot jeden Preis zahlen. Ach so.

Das Genie beherrscht das Chaos ;-)

Das Chili gelang gut, einen geschmacklichen Unterschied zwischen Bio- und Nicht-Biokidneybohnen konnten wir jedoch nicht feststellen. Abends in geselliger Runde kam die Frage auf, ob es eine Altersbegrenzung für diese Art des Reisens gäbe. Ein rüstiger Rentner meinte dazu nur grinsend, erkönne sich eine andere Art zu Reisen gar nicht vorstellen. In seinem Alter brächte man morgens eben ein wenig länger, um aus dem Zelt zu steigen…

Nach dem Berg ist vor dem Berg

Am nächsten Morgen begrüßte uns herrlicher Sonnenschein. Nach einem letzten Blick auf Rothenburg fuhren wir in das Altmühltal. Der Begriff  “Tal” ist allerdings irreführend. Zunächst galt es eine saftige 16% Steigung über einen guten Kilometer zu bewältigen. Danach fuhren wir leicht bergan und bergab durch meist landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Altmühl war nur selten zu sehen.

Hoch oben lebt sich’s scheinbar gut

Dafür gab es während der Mittagspause ein paar Jungstörche zu begucken. Die Altmühl ließ sich nachmittags auch schon häufiger sehen und war deutlich breiter geworden. Am Altmühlsee, kurz vor Gunzenhausen, fanden wir einen eher ungemütlichen Campingplatz. Ungemütlich, weil eher auf die Bedürfnisse der motorisierten Mitreisenden zugeschnitten. Zelte werden meist auf eine sumpfige Wiese hinter die Sanitäranlagen verbannt. Diese war immerhin trocken. Abends zog ein heftiges Gewitter auf. Wir siedelten in die Gaststube um. Ein Radiojournalist vom Bayrischen Rundfunk hatte Unterhaltsames zu erzählen. Und unser Zelt hatte dem Sturzregen tatsächlich standgehalten.

Kurz hinter Eichstätt

Auch am nächsten tag war uns das Wetter hold. Es ging die ganze Zeit recht dicht an der Altmühl entlang. Das Tal wurde enger und enger. Eichstätt ließen wir hinter uns, obwohl wir schon gut 80 km geradelt waren. In Gungolding wurden wir dafür mit einem wunderschönen Naturcamping belohnt, den wir ganz für uns allein hatten.

Abendritual

Wir gönnten uns noch ein Essen im benachbarten Biergarten und badeten in der Altmühl. Besser als jede Dusche. Den krönenden Abschluss bildete ein Lagerfeuer und eine leider traurige Nachricht. Wir würden unsere Familie nicht wie geplant beim Trombone Shorty Konzert in Straubing treffen. Oma war erkrankt. Nun ja, wir würden sie würdevoll vertreten!

Was für ein wundervoller Platz!

 

 

 

Der gute Schlaf inspirierte uns zum Weitergehen. Etwa 30 Kilometer östlich von Ritsem befindet sich ein Einstieg zum Kungsleden, auf dem wir bereits letztes Jahr ein gutes Stück gegangen waren. Doch wie sollten wir dorthin kommen? Der einzige Bus fuhr erst nachmittags und so viel Zeit wollten wir nicht verlieren. Wir frühstückten gemütlich, packten zusammen und gingen vor die Tür. Ich sah mehrere Leute um ein Auto auf der anderen Straßenseite herum stehen. Erk machte sich auf den Weg, um sie zu fragen, ob sie uns vielleicht mitnehmen könnten, ich brachte unseren Zimmerschlüssel zur Rezeption. Und siehe da, der freundliche Schwede nahm uns gern in seinem antiken Jetta mit. Damals wurden noch Autos noch für die Ewigkeit gebaut. Am Ziel angekommen, bedankten wir uns und sprachen kurz mit einigen Leuten bei der Vakkotavare Hütte. Wir hatten keine Karte für diesen Abschnitt. Der Hüttenwart ermutigte uns. Der Weg sei nicht zu übersehen und einfach zu gehen. Alsdann.

Endlich wieder oben ;-)

Die Sonne kämpfte sich immer wieder durch die Wolken. Es war trocken und ging natürlich erst einmal kräftig bergauf. Man merkte dem Weg an, dass deutlich mehr Leute darüber gelaufen waren. Er war sehr ausgetreten und bestand teilweise nur aus verschieden großen Steinen. Schwer zu gehen. Als wir das Hochfjäll erreicht hatten, boten sich herrliche Ausblicke.

Wohnen am Abgrund

Leider verdichteten sich die Wolken. Es begann erst leicht, später ausgiebig und pladdernd zu regnen. Deshalb gibt es vom Rest des Tages leider keine Bilder. Wir stiegen den ganzen Weg wieder hinunter und erreichten den See Teusajaure. Zum Glück lagen zwei Boote auf unserer Seite. Ich ruderte uns hinüber und da es erst 14h war und aufgehört hatte zu regnen, entschieden wir uns, die neun Kilometer zur nächsten Hütte, Kaitumjaure, noch zu gehen. Dann wären es insgesamt 24 Kilometer, keine Entfernung mehr :-)

Dabei stellte sich  heraus, dass eine Karte durchaus sinnvoll ist. Nicht etwa, weil wir den Weg aus den Augen verloren hätten. Nein, keineswegs. Aber manchmal ist es hilfreich zu wissen, wie viele Höhenmeter einen noch erwarten. Es ging wieder ins Hochfjäll. Und natürlich auf der anderen Seite wieder hinunter. Die Wegbeschaffenheit verschlechterte sich immens. Ich bekam schlechte Laune und begann, Steine zu hassen, nicht, dass das etwas geändert hätte. Erk rutschte noch einmal auf einer nassen Planke aus und seine Laune verschlechterte sich auch immer mehr. Wir waren beide an der Grenze unserer Kräfte angelangt und keine Hütte war in Sicht. Es nützte nichts. Weitergehen.

Endlich da!

Wir trafen in Kaitumjaure sehr nette Leute und hatten einen richtig schönen Abend miteinander. Der Hüttenwirt bat uns, bei der Vernichtung des Leichtbieres zu helfen. Die Dosen würden im Winter platzen und das Mindesthaltbarkeitsdatum war fast abgelaufen. Schon skurril. Dosenbier im Fjäll. Als Dank bekamen wir eins geschenkt. Es schmeckte köstlich!

I'm walking...

Am nächsten Morgen machten wir uns zeitig auf die Socken. Wieder schien die Sonne, aber die Wolken waren bereits in Sicht. Das Gehen fiel uns von Tag zu Tag leichter. Kurz vor der Mittagsrast fanden wir den Querverbindungsweg nach Kebnekaise. Er führte uns über einen Paß in das recht schmale und dunkle Tal Richtung Kebnekaise. Wieder begann es zu regnen und die Wolken hingen, genau wie das Jahr zuvor, so tief, dass wir nicht viel sehen konnten. Wir wateten durch einen breiten Fluß und danach ging’s immer leicht bergauf und bergab. Anstrengend. Wir erreichten die Fjällstation erst gegen halb sechs, ziemlich kaputt und pitschepatsche naß. Die Unterbringung in einem Vierbett(!)zimmer kostete uns schlappe 120€, echter Wucher, wenn man sieht, wie geräumig es dort ist:

... fehlen nur die Gitter vor der Tür ;-)

Die Anstrengung machte uns albern. Ich kochte ein Tabuleh, das etwas fest geriet und an Spachtelmasse erinnerte. Die passende Kost zum Zimmer, befand Erk. Wir jagten einem deutschen Pärchen noch ein wenig Angst ein. Nicht nett, ich weiß. Aber sie hatten für die 19 km von Nikkaluokta hierher zwei (!) Tage gebraucht… Wir absolvierten die Strecke am nächsten Vormittag in vier Stunden. Okay, wir waren trainiert und unsere Rucksäcke vergleichsweise leicht, weil wir den ganzen Proviant verputzt hatten, aber zwei Tage braucht man dafür wirklich nicht… Und der feine Nieselregen lud auch nicht gerade zum Verweilen ein. Wir erreichten Nikkalouokta zwei Minuten, bevor der Bus nach Kiruna abfuhr. Schwein gehabt.

Die Zivilisation lockte mit Gemüse und Wein, aber ein wenig traurig waren wir doch darüber, dass ein weiterer Wanderurlaub sich dem Ende näherte. Das  Hotel City (www.hotellcity.se), in dem wir auch letztes Jahr gewohnt hatten, hatte “unser” Zimmer noch frei und so verbrachten wir noch einen gemütlichen Tag in Kiruna.

Abweichler

Der leider auch verregnet war. Am Tag darauf fuhren wir mit dem Zug zurück nach Luleå, übernachteten in einem scheußlich klimatisiertem Zimmer (www.citysleep.se), aßen ein leckeres Sushi und “wanderten” am nächsten Morgen die zehn Kilometer zum Flughafen, ungläubig gemustert von einigen schwedischen Jugendlichen, die wir nach einem hübscheren Weg fragten. Zum Flughafen sei es doch viel zu weit! Es gab leider keine Alternative zur Straße. Wie um uns zu verspotten schien die Sonne aus einem strahlend blauen Himmel… Aber Lappland ist auch im Regen schön.

Padjelanta 6

Wenn Lemminge sich unterhalten klingt das in menschlichen Ohren wie das Gezwitscher von Wellensittichen. Das Geschnatter begleitete uns täglich.  Sie hausen mit Vorliebe unter den Bohlenwegen, die zum Fjällschutz ausgelegt werden. Geht man auf den Wegen entlang, laufen sie panisch vor einem her und tauchen mal links, mal rechts neben den Wegen auf. Ein Lemming unterschied sich von seinen Artgenossen durch seine Furchtlosigkeit. Statt panisch und quiekend zu flüchten,  ging er fauchend auf Erk los.

Keinen Schritt näher!

Erk holte seine Kamera hervor. Normalerweise sind die Lemminge, wenn man die Kamera auf sie richtet, sofort in einem Erdloch verschwunden. Dieser jedoch kam näher und näher und richtete sich drohend auf. So entstand eine ungewöhnliche Lemmingfotostrecke.

Nach dieser erheiternden Episode gingen wir beschwingt weiter. Die Einsamkeit und Weite des Hochfjälls verzauberten uns und der ungewohnte Sonnenschein wärmte wohltuend.

Ich lausche der Stille und schaue

Laut Karte trennte uns noch ein weiterer Aufstieg vor dem endgültigen Abstieg zum Akkajaure, einem riesigen künstlichen Stausee, den die Schweden bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Energiegewinnung bauten. So einfach ist das natürlich nicht. Das Tal, in dem sich heute der Akkajaure befindet, war von zahllosen kleinen, miteinander verbundenen Seen durchzogen. Durch den Bau des Suorvdamms wurde das ganze Tal geflutet, ursprüngliche Siedlungen der Samen mußten aufgegeben werden. Des einen Freud, des andren Leid…

Unter Beobachtung

Als wir aufsahen, bemerkten wir, dass uns eine kleine Herde von Rentieren schon seit einer Weile folgte. Man ist eben nie so allein, wie man sich wähnt. Nachdem Erk sie fotografiert hatte, trollten sie sich elegant. Ganz schön eitel, die Viecher ;-)

Nach dem Mittagessen, vor dem letzten Aufstieg, durfte das Selbstauslöserbild natürlich nicht fehlen.

Rücken an Rücken

Danach ging es hinauf, 300 Höhenmeter wollten erklommen werden. Dabei gerieten wir mächtig ins Schwitzen, aber jeder Aufstieg lohnt sich wegen der unvergleichlichen Aussicht!

Auf dem "Gipfel"

Es war recht frisch in dieser Höhe. Wir waren froh, als wir uns wieder an den Abstieg machen konnten. Die Wolken hatten sich aus dem Nichts angeschlichen und verhießen nichts Gutes. Nach zwei Stunden waren die ersten Birken in Sicht.

...macht noch keinen Wald

Von dort aus war es nicht mehr weit bis zu den Hütten von Kisuris. Da es zu regnen begann, als wir sie errichten, gönnten wir uns den Komfort einer weiteren Nacht mit einem echten Dach über dem Kopf.

Am nächsten Morgen waren wir ein wenig traurig, weil wir am Ende des Tages in Ritsem, auf der anderen Seite des Akkajaure ankommen würden. Das Ende des Padjelantaleden war fast in Sicht. Schade. Die Wolken hingen noch tief, aber es war trocken. Nach gut anderthalb Stunden öffnete sich der Birkenwald für eine kleine Aussicht.

...and my best friend ;-)

Wir kamen gut voran, schnackten mit einem deutschen Pärchen, das gerade dem nassen Sarek entronnen waren. Ich habe noch nie so zerfetzte Wanderstiefel gesehen wie die des Mannes…

Gegen Mittag erreichten wir die Brücke über den letzten großen Fluß.

Die bisher längste Hängebrücke

Der Gletscher rechts im Bild faszinierte mich, aber die Nahaufnahme des Gletschers wurde nicht besonders..

Leider etwas dunkel

Die Sonne schälte sich endlich aus den Wolken. Wir passierten Akkastugorna und erreichten den Bootsanleger eine halbe Stunde vor Abfahrt des Bootes. Damit hatten wir nicht gerechnet. Hocherfreut nahmen wir das Angebot einer älteren Samin an, Räucherfisch und Fladenbrot zu kaufen. Das erste Brot seit Tagen schmeckte göttlich!

Bye, bye, Padjelanta!

In Ritsem nahmen wir ein Zimmer in der Fjällstation, wuschen unsere Sachen und uns und gönnten uns zum Abendbrot eine dicke Pizza. Wir hatten noch vier Tage Zeit und überlegten, was wir damit anfangen wollten. Weitergehen, soviel war klar. Aber wohin? Vielleicht würden wir über Nacht eine gute Idee bekommen…

Padjelanta 5

Die Erinnerung neigt dazu, schnell zu verblassen, wenn man erst einmal wieder in heimischen Gefilden weilt. Damit mir kein Ortsname und kein Erlebnis allzu schnell entfällt, habe ich jeden Morgen fleißig geschrieben.

...und das vor dem Frühstück!

Nach dem Frühstück packten sich die Rucksäcke fast von allein. Wir hatten uns an das Unterwegssein gewöhnt. Die Wolken hingen zwar tief, aber es war trocken. Der erste Hügel war schnell erklommen und das Gehen machte richtig Spaß.

Erste Landmarke erreicht

Nach der Brücke ging es 300 Höhenmeter steil bergauf zum Pårkasattel. Schweißgebadet rasteten wir am Rand des Hochplateaus. Der Blick von oben auf die umliegenden Bergspitzen war wunderschön, auch wenn sich einige von ihnen vornehm verhüllten.

Über Stock und über Steine...

Ungefähr auf halber Strecke steht eine Steinfigur, bei deren Anblick wir uns unwillkürlich fragten, ob nicht doch ein Mensch seine Finger im Spiel gehabt haben könnte.

Wo kommt sie her?

Wir setzten uns zu ihr und aßen einen Happen. Ein paar Rentiere leisteten uns Gesellschaft. Der Himmel verschonte uns und bis zu den Hütten von Låddejåkka war es nicht mehr allzu weit.

Von oben aus sah der Abstieg zu den Hütten sanft aus, aber es war recht steil. Da man seine Bergabgehmuskulatur in Hamburg selten braucht, schmerzte sie mich ganz ordentlich.

Spektakuläres Flussdelta

Auf halber Strecke ruhte wir uns noch einmal aus. Es war erst später Nachmittag und wir hatten unser Nachtlager schon vor Augen. Erk fotografierte, ich genoß die Landschaft ohne Linse und erspähte tatsächlich einen Adler.

Bißchen weit weg, aber eindeutig identifizierbar!

Es ging über eine weitere Brücke über einen Fluß, der sich im Laufe der Zeit sein Bett durch die lockeren Gesteinsschichten gebannt hatte.

Da war es ganz schön laut

Wir waren unendlich dankbar für den trockenen Tag. Wieder waren wir völlig allein in der Hütte. Ein Wanderer kam zwar aus Norden, aber er schlug sein Zelt auf der anderen Seite des Flusses auf. Da es noch früh war, machten wir uns eine Schüssel Wasser warm und wuschen uns endlich den Schweiß der letzten Tage ab. Herrliche Frische.

Sehr witzig...

Erk hatte sogar noch Energie zum Herumalbern. Wir aßen, lasen noch ein wenig und dann war auch schon Schlafsackzeit. Ich stolperte bei der letzten Zigarette fast über einen Fuchs. Er starrte mich vorwurfsvoll an, so kam es mir jedenfalls vor. Wahrscheinlich hatte ich seine Beute verscheucht.

Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen

Am nächsten Morgen schien die Sonne. Unglaublich. Wir verzichteten zum ersten Mal auf die Regenhosen und entschieden uns für den “alten” Weg. Der führte über die nächste Hochebene statt unten am See entlang. Das hieß natürlich erst einmal wieder Aufstieg.

"Wo wir wohl sind?"

Insgesamt sollte es dieses Mal gut 400 Höhenmeter hinauf gehen. So hoch waren wir bislang noch nicht gekommen. Die Sonne wärmte uns den Rücken, die Landschaft war traumhaft schön und wir waren gespannt, wie lange wie für die gut 20 km brauchen würden.

 

Padjelanta 4

Am nächsten Morgen war es trocken und ich konnte durch das Fenster sogar einige blaue Flecken am Himmel ausmachen. Meine Beine fühlten sich für die am Vortag absolvierten Kilometer erstaunlich gut an. Wir frühstückten, packten und machten uns auf den Weg nach Arasluokta.

Blauer Himmel!

Die Etappe war zwar nur 12 km lang, aber es ging anfangs gleich 200m hinauf ins Hochfjäll. Das brachte uns in voller Regenmontur ganz schön ins Schwitzen. Wenn das Wetter so unbeständig ist, empfiehlt es sich, morgens gleich Regenhose und Gamaschen anzuziehen. Denn fängt es erst einmal an, dann ist keine Zeit mehr, im Rucksack zu kramen…

Verschnaufpause mit Blick zurück

Wir arbeiteten uns schließlich hoch. Der Moment des Innehaltens, der Blick zurück ist stets faszinierend. Zum einen sind die Lichtverhältnisse völlig anders und zum anderen ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, wieviel Weg schon hinter einem liegt. Auf zwei Beinen kann man sich  erstaunlich weit fort bewegen. Am Anfang dieser Wanderung dachte ich oft, 145km, wow, wie soll ich das je schaffen und nun waren wie bereits bei der Hälfte des Wegs angelangt…

Einfach mal ablegen

Eine Riegel und eine Zigarette später empfing uns das Hochfjäll, nicht von dieser Welt. Eine bizarre Landschaft aus kleinen Seen, niedrigem Heidebewuchs und leider wieder auch dichten Wolken. An Weitblick war nicht zu denken.

In den Wolken

Seitdem wir in Staloluokta losgegangen waren, hatten wir keine Menschenseele getroffen. Das ist der Vorteil der Nachsaison. Die Hütten sind ab Anfang September unbewirtschaftet. Man trifft höchstens zwei bis vier Menschen pro Tag. An diesem Tag tauchten an der höchsten Stelle zwei Gestalten aus den tief hängenden Wolken auf. Ja, jetzt wären wir ungefähr auf der Hälfte des Weges. Nein, man könne den schönen Ausblick nicht genießen. Meist bleibt man stehen, um Informationen auszutauschen. Ich freue mich tatsächlich auf die Menschen, die mir begegnen.

Gelobet sei die "gute Infrastruktur"!

Pünktlich zur Mittagszeit fing es an, wie aus Eimern zu schütten. Wir aßen unsere Stulle stoisch und machten uns an den Abstieg. Viele unförmige Steine, glitschig und steil. Es gibt gute und schlechte Steine. Die guten sind flach und in Schrittlänge, die schlechten zu dicht zusammen oder zu weit auseinander und spitz oder moosbewachsen und rutschig. Nach guten fünf Stunden tauchten endlich die Hütten von Arasluokta auf. Kein Mensch weit und breit. Wir machten es uns gemütlich.

Sonne!

Nach einem kurzem Mittagsschlaf war es Zeit für das Abendessen. Als ich danach eine Zigarette rauchte, kamen zwei jüngere Männer von Norden. Deutsche. Berliner. Es war ihre erste Tour. Wir unterhielten uns eine Weile. Sie hatten auch Schwierigkeiten, den Gasofen in Gang zu bekommen. Ich konnte helfen. Plötzlich tauchte eine Elchkuh in der Dämmerung auf.

Wirkt klein...

Leider war es für ein scharfes Bild schon zu dunkel. Erk und einer der Berliner folgten ihr noch eine Weile. Eine andere Art der Jagd. Mir war kalt. Ich blieb am Ofen und las, endlich. Die Autobiographie von Patti Smith erwies sich als sehr spannend.

Dunkel ward's...

Und so ging ein weiterer Wandertag seinem Ende entgegen. Zu Hause wäre ein Tag mir oft nur wenige Sätze wert, auf Reisen reicht er meist für einen kompletten Artikel. Bonne nuit!

 

 

Padjelanta 3

Der Wind war über Nacht zu einem regelrechten Sturm angeschwollen. Er rüttelte und zerrte an der kleinen Holzhütte. Wir sahen skeptisch aus dem Fenster. Auf dem Weg zum Toilettenhäuschen hätte es mich fast umgeweht. Zum Glück würden wir mit dem Wind im Rücken weitergehen. David mußte sich dagegen an kämpfen. Nach dem Müsli, mit heißen Wasser angerührt gar nicht so übel (dank an Andrea!), packten wir. David versprach, wieder zurück in Deutschland, eine Mail zu schreiben. Der Wind trug uns förmlich die 300 Höhenmeter auf das Hochfjäll. Es war gar nicht anstrengend. Oben angekommen sah ich mich fasziniert um und erinnerte mich. Genau, das war der Grund, warum wir die Strapazen auf uns nahmen. Weite, eine mit bizarr geformten Steinen übersäte, karge Landschaft. In der Ferne Gipfel von noch höheren Bergen. Der Weg schlängelte sich um einige Seen herum zur Truottarhütte.

Unten am See gibt's frisches Wasser...

Es war erst Mittag. Ich holte Wasser und wir kochten uns in der Hütte einen Kaffee. Hier oben (auf 900 m) zauste der Wind die Hütte noch viel stärker. das Heulen klang fast ein wenig unheimlich. Wir aßen eine Stulle (ja, es war noch gutes Brot da) und beratschlagten uns. Die nächste Hütte, Staloluokta, war von hier aus noch 19 km entfernt. 11 waren wir schon gegangen. Wir hatten den Wind im Rücken. Es ging bergab. Es war noch früh am Tag. Weitergehen?

Yes, we can!

No risk, no fun. Wir machten uns auf den Weg. Es ging an weiteren Seen entlang sanft bergab, mal kam der Wind direkt von hinten, mal leicht von der Seite. Dann wurde das Geradeausgehen schwierig. Wir kamen zügig voran und der Regen hielt sich auch vornehm zurück.

...am Hang entlang

Auf halber Strecke kamen uns zwei schwer kämpfende Gestalten entgegen. Die Ärmsten. Wir sprachen einige ermunternde Worte und gingen weiter. Endlich erreichten wir die im Wanderführer angekündigte Hängebrücke. Von dort aus sollten es “nur” noch 8 km sein. Wir waren inzwischen recht platt. Zeit für eine Pause und eine Handvoll Studentenfutter.

Vom Boden betrachtet...

Von dem Zeitpunkt an wurde das Gehen deutlich anstrengender. Der Weg zog sich schier endlos zunächst an einem großen See entlang, über einen Hügel und da! Endlich! Die samischen Steinkreise, die wahrscheinlich die Umrisse einer Zeltkåta darstellen. Ein innerer Kreis als Feuerstelle und ein äußerer für das Zelt.

Von hier aus ist es nicht mehr weit!

Was genau die Samen hier getrieben haben, ist leider nicht bekannt. War es eine Sommersiedlung oder gar ein heiliger Ort? Laut Führer waren es noch gut zwei Kilometer. Das gab mir neue Kraft und ich sprintete dem Ziel entgegen. Erk war leider nicht mehr zu großem Tempo zu motivieren. Aber sein Rucksack war auch viel schwerer als meiner…

Der vielleicht schönste See Schwedens

Ich konnte mich kaum satt sehen. Was für ein wunderschöner Ort. Wir blieben immer wieder stehen, um zu schauen, nicht aus Müdigkeit. Die Hütten fest im Blick marschierten wir die letzten zwei Kilometer.

Das Tor nach Staloluokta

Wir hatten es geschafft. Ein riesiges Hochgefühl überkam uns. 3o km, unvorstellbar. Das ist zu Hause selbst mit dem Rad schon eine ganze Ecke. Wir machten es uns in der Hütte gemütlich. Essen, waschen und endlich schlafen. Herz, was willst du mehr :-) ?

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